Reiner Klingholz

Blog Bevölkerung und Entwicklung

30.08.2021

Afghanistans Bevölkerungsproblem

Unter Taliban und Co. droht ein anhaltender Kreislauf aus Armut und hohen Geburtenziffern

Es gibt viele Gründe für die aktuell desolate Situation der Menschen in Afghanistan: Fremde Mächte, die in der Vergangenheit bar jeder Ortskenntnis versucht haben, das Land nach ihren Vorstellungen zu formen; ein korruptes, vom Westen alimentiertes politisches System, das bis vor wenigen Wochen erfolgreich in die eigene Tasche gewirtschaftet hat; ein Stammesdenken bärtiger Männer, das auf mittelalterlichen Vorstellungen beruht; und nicht zuletzt religiöse Eiferer verschiedenster islamistischer Gruppierungen, die traditionell die Hälfte der Bewohner Afghanistans entrechten wollen und deren wirtschaftliche Expertise im Wesentlichen auf Drogenhandel und Entführungen fußt. Ein weiterer, zentraler Grund für das Entwicklungsdesaster wird allerdings kaum diskutiert: das hohe Bevölkerungswachstum. Es würde es dem Land schon unter geordneten Verhältnissen schwermachen, die sozioökonomischen Verhältnisse zu verbessern. 

Afghanistan weist die mit Abstand höchsten Geburtenziffern unter allen asiatischen Staaten auf. 4,3 Kinder bekommt eine Frau im Schnitt, weltweit liegen nur afrikanische Länder über diesem Wert. Das Land am Hindukusch verzeichnet derzeit ein natürliches Bevölkerungswachstum (ohne Migrationseinflüsse) von 2,7 Prozent im Jahr. Unter diesen Bedingungen verdoppelt sich die Bevölkerung binnen 27 Jahren. Afghanistan hat heute 40 Millionen Einwohner, zweimal so viele wie noch 1999. Es wären ein paar Millionen mehr, hätten nicht viele ihr Land aus Not oder aus Furcht um ihr eigenes Leben verlassen. Für 2035 sind 55 Millionen Menschen zu erwarten, 2050 wären es nach Schätzungen des Washingtoner Population Reference Bureau (PRB) über 70 Millionen. Momentan wächst die Bevölkerung jeden Tag um 2.500 Häupter.

Das Land wächst sich um Kopf und Kragen                                                    

All diese Menschen brauchen Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Gesundheitsdienste, Schulen und Jobs. Obwohl rund die Hälfte der Menschen in kleinbäuerlichen Betrieben arbeiten, kann sich Afghanistan nicht annähernd mit Nahrungsmitteln versorgen.  Rund ein Viertel der Einwohner gilt als unterernährt. Das Land hat seit 2000 zwei Hungersnöte erlebt, die es nur mit massiver Unterstützung des World Food Programme einigermaßen überstehen konnte.

Die afghanische Volkswirtschaft ist seit 2015 im Schnitt nur um 1,6 Prozent gewachsen, also weniger stark als die Zahl der Menschen, mit der Folge, dass die Bevölkerung unterm Strich ärmer geworden ist. Ein Land mit diesem Entwicklungsstand bräuchte mindestens fünf Prozent Wirtschaftswachstum, um auch nur die Arbeitsplätze für die nachwachsenden Generationen zu schaffen. Afghanistan ist gemessen am Pro-Kopf-Einkommen der ärmste aller asiatischen Staaten. Wie schlecht es den Menschen geht, zeigt allein die Lebenserwartung: Sie ist mit durchschnittlich 65 Jahren die niedrigste in Asien.

Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt die landesweite Arbeitslosigkeit auf 30 Prozent, das wäre Weltrekord. Aber diese Zahl sagt wenig aus, weil die meisten Menschen im informellen Sektor beschäftigt sind, also nur Gelegenheitsjobs haben oder im Familienbetrieb aushelfen, mit schlechter Bezahlung und ohne jede soziale Absicherung. Und jedes Jahr drängen 400.000 neue junge Arbeitssuchende auf den Markt. Nötig wären private Unternehmensgründer, die all jene Dinge produzieren, die den Menschen das Leben erleichtern. Die Nachfrage dafür wäre enorm, denn es fehlt fast an allem. Aber die ohnehin kleine Mittelschicht, die so etwas leisten könnte, ist vertrieben oder geflohen.

Warum aber ist das Bevölkerungswachstum so hoch? Es ist die Folge schlechter Entwicklung, von Armut, Bildungsmangel, unzureichender Gesundheitsversorgung und Frauenbenachteiligung. Das sind die Rahmenbedingungen, die überall auf der Welt für hohe Geburtenziffern sorgen. Dass am Hindukusch seit 40 Jahren Krieg herrscht, macht die Sache nicht einfacher.

Die neuen Machthaber haben das Problem nicht erkannt

Im Umkehrschluss lässt sich anhand der Gründe für das hohe Bevölkerungswachstum die mögliche Lösung des Problems beschreiben: Wo immer auf der Welt sich die Gesundheitssysteme verbessert haben, wo Jugendliche (und zwar Mädchen wie Jungen) möglichst lange zur Schule gehen können, wo Frauen mehr Mitsprache in Familie und Gesellschaft erlangen und neue Arbeitsplätze entstehen, sind die Geburtenziffern rasch gesunken und die Pro-Kopf-Einkommen gestiegen.

Wer die neuen Mächte in Afghanistan sind, ist zwar längst nicht klar, aber eines ist sicher: Solange Taliban, IS, al-Qaida oder sonst eine islamistische Gruppe die Politik bestimmen, hat dieses Entwicklungskonzept keine Chance. Es wird sich vielmehr der Kreislauf aus Armut und hohen Kinderzahlen zementieren, denn Frauenrechte und Mädchenbildung stehen nicht gerade oben auf der Agenda der Djihadisten. Auch der Zugang zu sicheren Mitteln der Familienplanung und die Zusammenarbeit mit ausländischen Nicht-Regierungs-Organisationen dürfte den Frauen verwehrt werden.

Deshalb ist die Bevölkerungsprojektion der Vereinten Nationen für Afghanistan mit Vorsicht zu betrachten. Sie nämlich geht davon aus, dass die Geburtenziffern wie in fast allen Entwicklungsländern weiter zurückgehen und zwar bis 2055 auf 2,1 Kinder je Frau. Dies ist der sogenannte Erhaltungswert, ab dem eine Bevölkerung mittelfristig aufhört zu wachsen. Unter diesen Bedingungen würde die Bevölkerung des Landes bis 2050 „nur“ auf 65 Millionen anwachsen und um das Jahr 2085 ihren Maximalwert von 77 Millionen erreichen. Das wären bis Mitte des Jahrhunderts 5 Millionen weniger als in der oben zitierten PRB-Vorausschätzung.

Der vergleichsweise optimistische UN-Ausblick baut auf einer Fortschreibung der jüngeren Vergangenheit. Denn auch in Afghanistan sind die Kinderzahlen je Frau gesunken. Noch bis zur Jahrtausendwende lag die Geburtenziffer stabil bei über 7 Kindern je Frau, der heutige Wert von 4,3 ist also bereits ein Erfolg.

Dazu beigetragen haben mit Sicherheit die 20 Jahre unter der dem Einfluss der Westallianz, als Nicht-Regierungs-Organisationen zahlreiche Entwicklungsprojekte auf die Beine stellen konnten. Diese Phase war für afghanische Verhältnisse politisch vergleichsweise stabil, Schulen und Gesundheitsdienste konnten halbwegs ihren Betrieb aufrechterhalten und die meisten Mädchen sogar in den entlegensten Tälern zur Schule gehen. Und es flossen Abermilliarden Euro an Hilfsgeldern in das Land. Dass es eine „gute“ Zeit für Afghanistan war, belegt die Kindersterblichkeit: War im Jahr 2000 noch für etwa 130 von 1.000 Kindern das Leben vor dem fünften Geburtstag beendet, so liegt dieser Wert mittlerweile bei etwa 60. Das ist eine deutliche Verbesserung, ist aber noch weit entfernt von der Kindersterblichkeit in einem hoch entwickelten Land wie Deutschland, wo nur noch 4 von 1.000 Kindern sterben, bevor sie fünf Jahre alt sind.

Mit dem Abzug der meisten ausländischen Partnerorganisationen und dem weitgehenden Ende der westlichen Entwicklungszusammenarbeit dürften die vorübergehenden Fortschritte zum Erliegen kommen. Die Islamisten an der Macht werden die Programme, etwa zur Familienplanung und zur Mädchenbildung, kaum weiterführen, es fehlen der Wille dazu, das Geld und die entsprechende Expertise. Und das bedeutet, dass die Bevölkerung weiter stark wachsen wird und die künftigen Entwicklungschancen Afghanistans noch schwieriger werden, als sie es heute schon sind.

24.08.2021

China in Afrika

Entwicklungshelfer oder neue Kolonialmacht?

Die Geschichte der jahrzehntelangen westlichen Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika ist schnell erzählt: Viel Aufwand – wenig Erfolg. Auch der vor wenigen Jahren vom zuständigen deutschen Minister ausgerufene „Marshallplan für Afrika“ oder der „Compact with Africa“ des Finanzministeriums, die Jobs für die zahlreichen jungen Menschen schaffen und deutsche Unternehmen zu Investitionen zwischen Tunesien und Südafrika treiben sollten, haben bestenfalls überschaubare Erfolge zu verzeichnen.

De facto ist Afrika nach wie vor der mit Abstand am wenigsten entwickelte Kontinent der Welt. Die Zahl der krisenhaften und gescheiterten afrikanischen Staaten nimmt zu, die Nahrungsmittelversorgung ist unzureichend und das hohe Bevölkerungswachstum macht die Lösung der vielfältigen Probleme nicht eben leichter. Die Hälfte der Menschen in Afrika muss noch immer ohne Stromanschluss auskommen und gerade mal 31 Prozent der Jugendlichen erreichen einen Sekundarschulabschluss (oft fragwürdiger Qualität), der heutzutage als Voraussetzung für eine erfolgreiche Berufskarriere in einer globalisierten Welt gilt.

Hat da, angesichts der ernüchternden West-Bilanz, nicht China die besseren Ideen für Entwicklung? Immerhin hat die mittlerweile zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt wie kein zweites Land eigene Erfahrung damit, wie ein rückständiges Land zu einer Aufsteigernation werden kann. Es hat seit 1990 über 700 Millionen Menschen aus der absoluten Armut geholt und liegt in vielen Forschungsbereichen gleichauf mit den USA. Die viel gefeierten Erfolge der Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen gehen vor allem auf die Fortschritte in China zurück. Seit Jahren versucht das Land auch die Entwicklung in Afrika voranzutreiben.

Keiner investiert mehr

China hat dort Investitionen in Höhe von vielen hundert Milliarden US-Dollar geleistet und ist gegenwärtig in zahllosen Infrastrukturprojekten engagiert, vor allem in rohstoffreichen Ländern wie Nigeria, Angola oder Sudan. Die neuen Entwicklungshelfer aus Asien haben Straßen und Häfen geplant, finanziert und gebaut, Stromleitungen, Kraftwerke, Pipelines, Eisenbahnen oder Flughäfen aus dem Boden gestampft, und zwar in einer Geschwindigkeit, die jeden deutsche Planer erblassen ließe. Damit konnten die notorischen Versorgungslücken auf dem afrikanischen Kontinent zumindest teilweise geschlossen werden. Man könne behaupten, dass jedes größere Bauprojekt in Afrika, das höher als drei Stockwerke aufragt, oder jede Straße mit mehr als drei Kilometern Länge von Chinesen gebaut oder geplant ist, meint Daan Roggeveen, der Co-Gründer von More Architecture, einem internationalen Planungsbüro mit Sitz in Amsterdam und Shanghai.

Zu den größten laufenden sino-afrikanischen Projekten zählen der 3.200 Kilometer lange Trans-Maghreb-Highway, der 55 größere nordafrikanische Städte miteinander verbinden soll; das Mambilla-Kraftwerk, das von 2030 an über 3.000 Megawatt Elektrizität aus vier Staudämmen des Dongo-Flusses in Nigeria liefern soll; oder eine Schnellstraße, die das verträumte kenianische Touristenparadies Lamu mit Äthiopien und Südsudan verbinden soll, ergänzt durch einen Tiefseehafen und eine Pipeline, über die einmal südsudanesisches Erdöl in die wartenden Riesentanker fließen wird. Die Beratungsfirma Deloitte schätzt, dass China im Jahr 2020 rund ein Drittel aller afrikanischen Infrastrukturprojekte kontrollierte, in Ostafrika sogar die Hälfte. Afrikanische Regierungen schätzen chinesische Projekte vor allem, weil sie äußerst zügig umgesetzt werden.

Nicht ohne Eigeninteressen unterwegs

Das alles tut China nicht aus reiner Nächstenliebe. Erstens gibt es die Bauprojekte nicht umsonst, sondern in der Regel gegen Kredit. Und zweitens kommen bei den Unternehmungen meist nur chinesische (Staats)-Unternehmen und in der Regel nur chinesische Fachkräfte zum Einsatz. Studien der SOAS Universität in London zufolge sind für die tatsächliche Arbeit auf den Baustellen allerdings überwiegend einheimische Kräfte beschäftigt, vor allem, weil es mittlerweile zu teuer geworden ist, auch gering qualifizierte Mitarbeiter aus China zu rekrutieren.

Daneben verspricht jedes ausländische Engagement in Afrika hohe Gewinne. Denn trotz der weit verbreiteten Armut entsteht in vielen afrikanischen Staaten eine neue konsumfreudige Mittelschicht, die offen für alle Gebrauchs- und auch Luxusgüter ist, von denen ein großer Teil den Aufdruck „Made in China“ trägt. Der Markt ist gewaltig, denn Afrika ist mit so gut wie allen Gütern unterversorgt und Chinas Industrie verzeichnet große Überkapazitäten. Tatsächlich finden sich überall in Afrika Läden, in denen sich die chinesischen Produkte bis zur Decke stapeln, in denen nur chinesisches Personal unterwegs ist und die Kasse manchmal sogar Renminbi-Preise ausspuckt, während die kleinen einheimischen Geschäfte, wo es vielerorts kaum mehr als Kerosin, Dosenkonserven, Zigaretten und Bratfett zu kaufen gibt, nach und nach verschwinden. Kein Wunder, dass China längst der größte Handelspartner des Kontinents ist mit einem jährlichen Exportvolumen von über 200 Milliarden US-Dollar.

Das Vordringen Chinas erinnert viele Beobachter an die Kolonialzeit im 19. und 20. Jahrhundert, als europäische Mächte afrikanische und asiatische Länder ihr Eigen nannten, dort eigene Billigprodukte absetzten und im Gegenzug wertvolle Rohstoffe außer Landes holten. Nur dass China heute nicht einmal militärische Macht ausüben muss, sondern eine Abhängigkeit über Kredite schafft und so massiven Druck auf politische und kulturelle Entwicklungen ausüben kann.

Wie hoch sich die afrikanischen Länder für all die Investitionen gegenüber China verschuldet haben, ist nicht genau bekannt. Der Politikwissenschaftlerin Deborah Bräutigam von der amerikanischen Johns Hopkins Universität zufolge haben sich die Kredite allein zwischen 2000 und 2015 auf knapp 100 Milliarden US-Dollar summiert. Seither sind sie weiter stark gestiegen.

Welche Abhängigkeit sich daraus ergeben kann, hat kürzlich Ching Kwan Lee, Sozialwissenschaftlerin von der Universität von Kalifornien in Los Angelos auf der Konferenz „Asia and Africa in Transition“ in Kopenhagen am Beispiel Sambia berichtet. Seit 2007 hat sie dort den chinesischen Einfluss in der Minen- und Bauwirtschaft erforscht, mit Politikern, Unternehmern, Gewerkschaftlern, einheimischen und chinesischen Bergarbeitern gesprochen und an Verhandlungen von indischen, chinesischen und Schweizer Bergbaumultis mit der sambischen Regierung teilgenommen.

Sambia ist für China interessant, weil dort das größte afrikanische Kupferabbaugebiet liegt und das Land weitere wertvolle Rohstoffe wie Kobalt birgt. Weil das ostafrikanische Land über keinen eigenen Seezugang verfügt, sind gute Verkehrsverbindungen über Schiene und Straße umso wichtiger. Den Bau der Infrastrukturen haben im Wesentlichen chinesische Unternehmen übernommen, mit der Folge, dass sich die Auslandschulden des Landes während Lees Forschungen versiebenfacht haben. Und weil die Firmen schon mal am Werke waren, haben sie gleich noch zwei ultramoderne Fußballgroßstadien dazu gebaut (eines davon im Heimatort des ehemaligen Präsidenten, zum Teil auf Kredit, teilweise auch als milde Gabe aus Fernost). „Stadion-Diplomatie“ nennt sich diese Form der indirekten Einflussnahme Chinas auf afrikanische Länder. In 27 Staaten, von Angola bis Uganda stehen mittlerweile zum Teil mehrere dieser als Sportstätten verkleideten trojanischen Pferde.

Und stetig entstehen in Sambia neue Bauprojekte, wobei der Zuschlag fast immer nach China geht, etwa für das 750-Megawatt Kafue Gorge Lower-Kraftwerk, für den Simon Mwansa Kapwepwe- Flughafen in der Kupfergürtel-Region, der künftig jährlich eine Million Fluggäste abfertigen kann oder für die Erweiterung des Kenneth Kaunda-Flughafens in der Hauptstadt Lusaka. Ob das Land, in dem 58 Prozent aller Menschen unter der Armutsgrenze von umgerechnet 1,9 US-Dollar am Tag leben müssen, und das beim Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen auf Rang 146 von 189 Ländern rangiert, all diese Prestigebetonbauten braucht und ob breite Bevölkerungskreise davon etwa haben, ist eine andere Frage.

Ab in die Schuldenfalle

Sambia-Kennerin Ching Kwan Lee jedenfalls ist der Meinung, dass von den chinesischen Aktivitäten vor allem die sambischen Eliten profitieren, dass chinesische Unternehmer sich sambische Wettbewerber mit unlauteren Methoden vom Halse halten, dass durch die hohen Geldflüsse die Korruption blüht und die Menschenrechtsverletzungen zugenommen haben. Kritiker in der sambischen Regierung, die gegen die massive Verschuldung für fragwürdige Projekte aufbegehren, wie der ehemalige Informations- und Rundfunkminister Chishimba Kambwili, mussten rasch ihren Posten räumen und wurden aus der Regierungspartei ausgeschlossen.

Vor allem können die gewaltigen Kreditsummen in eine fatale Schuldenabhängigkeit führen. China ist bekannt dafür, dass es sich beziehungsweise chinesischen Firmen bei Zahlungsausfall ganze Infrastrukturen übereignet. Zum Beispiel in Sri Lanka, wo China den mit Krediten gebauten Hafen Hambantota kurzerhand einkassierte, beziehungsweise für 99 Jahre unter Zwangspacht stellte. Ähnliche Maßnahmen drohen Pakistan oder Bangladesch, Länder, die ihre eigenen Infrastrukturprojekte kaum selbst stemmen können und sich ebenfalls in die Schuldenabhängigkeit gegenüber China begeben haben. In Afrika haben sich etwa Äthiopien beim Bau der Eisenbahnlinie Addis Abeba-Djibouti oder Kenia bei der Strecke Nairobi-Mombasa verhoben. Beide Projekte wurden deutlich teurer als erwartet, sind überwiegend von China finanziert und trieben die Länder in die Schuldenfalle

Das Gleiche kann Sambia passieren, das 2020 erstmals seine Rückzahlungen an internationale Gläubiger nicht mehr aufbringen konnte. Die Wirtschaft des rohstoffreichen Landes wächst kaum, die Einkommen sinken und die Arbeitslosigkeit steigt. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist so groß, dass bei der Präsidentenwahl im August 2021 überraschenderweise der Oppositionskandidat Hakainde Hichilema gegen den Regierungschef und Chinavertrauten Edgar Lungu einen haushohen Sieg einfuhr. Lungu wird unter anderem für die Misswirtschaft und weit verbreitete Korruption verantwortlich gemacht wird. Wie gut sich der neue Präsident gegen den chinesischen Einfluss durchsetzen kann, bleibt abzuwarten.

Ist das der neue Kolonialismus?

Ob das übermächtige China sich in Sambia, anderenorts in Afrika oder sonst wo auf der Welt tatsächlich als Neokolonialmacht aufführt, ist unter Wissenschaftlern umstritten, vor allem, weil es, anders als die klassischen Kolonialmächte, ohne militärische Präsenz auskommt. Auch Ching Kwan Lee ist in ihrer Einschätzung gespalten. Einerseits entstehen mit Hilfe Chinas Vorhaben, von denen andere Förderer in der Vergangenheit nur träumen konnten. Andererseits geht China bei seiner Entwicklungs-„hilfe“ ziemlich ruppig vor. Aber unterm Strich passiert wenigstens etwas, sagt die Wissenschaftlerin: „Die Europäer, die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds brauchen Jahre, bis sie die notwendigen Statistikunterlagen für eine Kreditvergabe zusammenhaben, sie wollen bis hin zu Genderfragen im Land alles wissen und bekommen dann am Ende eben einen Haufen gefälschte Daten. China interessiert sich dafür nicht. Alles geht viel schneller. Und China kann erfahrungsgemäß gut mit korrupten afrikanischen Regierungen zusammenarbeiten.“

13.07.2021

Kollision globaler Großprobleme

Wo Bevölkerungswachstum, Wassermangel und Klimawandel aufeinandertreffen, drohen neue Konflikte

Eigentlich ist das eine gute Nachricht: Äthiopien hat mit der einsetzenden Regenzeit im Juli die vor einem Jahr begonnene Flutung des „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ fortgesetzt. Die gewaltige Talsperre im Nordwesten des Landes soll das Wasser des Blauen Nils aufstauen und dem immer noch sehr armen Land am Horn von Afrika einmal 6.000 Megawatt regenerativ erzeugte Elektrizität liefern. Das ist vermutlich mehr als Äthiopien selbst verbraucht, so dass auch die Nachbarländer Sudan und Ägypten etwas von dem Strom abbekommen können und dem Lieferanten wichtige Devisen zufließen. Äthiopien hätte mit der Talsperre das größte Kraftwerk Afrikas und wäre mit dieser Art der Stromerzeugung eines der klimafreundlichsten Länder der Erde.

Doch ganz so rosig sind die Zukunftsaussichten der Region nicht. Denn hier kollidieren drei globale Megatrends, die einen Streit um das Wasser geradezu provozieren: Bevölkerungwachstum, Wassermangel und Klimawandel. Nach Nigeria gehören Äthiopien und Ägypten zu den drei menschenreichsten Ländern Afrikas, mit derzeit 117 respektive 102 Millionen Einwohnern, aus denen bis zum Jahr 2050 209 respektive 158 Millionen werden dürften. Zusammen mit dem Sudan kommen Äthiopien und Ägypten bereits heute auf 264 Millionen. Vermutlich werden es Mitte des laufenden Jahrhunderts 448 Millionen sein. Das wären etwa so viele, wie dann in den heutigen 27 Ländern der EU leben werden.

All diese Menschen brauchen Wasser. Für die Stromerzeugung und vor allem für die Landwirtschaft, die erhebliche Produktionssteigerungen liefern muss, um die Ernährung der Menschen zu sichern. Ohne künstliche Bewässerung ist das nicht möglich. Bisher versorgen die Bauern in Ägypten und Sudan ihre Felder fast ausschließlich mit Wasser aus dem Blauen Nil, der im äthiopischen Hochland entspringt – und jetzt aufgestaut wird. Der Weiße Nil, der sich in der sudanesischen Hauptstadt mit seinem blauen Nebenfluss vereint und seine Fracht aus den zentralafrikanischen Bergen Ruandas, Burundis, Kongos und Ugandas bezieht, bringt vergleichsweise wenig Wasser mit.

Ägypten und Sudan sind damit auf das Nass eines Flusses angewiesen, der aus einem Nachbarland stammt, denn auf ihren eigenen Territorien fällt so gut wie kein Niederschlag, der es bis in den Nil, den größten Fluss Afrikas schafft. Beide Länder bestehen größtenteils aus Wüste. Die Landwirtschaft findet praktisch nur auf einem wenige Kilometer breiten Streifen entlang der Flüsse statt. Dort leben auch 95 Prozent der Einwohner, was den bewohnten Gebieten eine Menschendichte beschert, die dreimal so hoch ist wie in den Niederlanden.

Schon 1997 war die Wasserverfügbarkeit in Ägypten unter den Wert von 1.000 Kubikmeter je Person und Jahr gefallen, was international als Grenzwert für Wassermangel gilt. Bis 2030 ist aufgrund des Bevölkerungswachstums zu befürchten, dass für jeden Menschen in Ägypten nur noch 500 Kubikmeter zur Verfügung stehen, das entspräche der Definition eines Wassernotstands. Kein einwohnerstarkes Land der Welt ist so abhängig von Wasser, das aus dem Ausland zuströmt. Und jetzt beginnt mit der Befüllung des fünf Milliarden Dollar teuren Grand Ethiopian Renaissance Dam eine neue Knappheit. Denn es vergehen 5 bis 15 Jahre, bis der Stausee vollständig gefüllt ist und in dieser Zeit dürfte der Blaue Nil bis zu einem Viertel seines Fließvolumens verlieren. Zudem werden auch äthiopische Bauern dem Stausee Wasser entnehmen, um ihre Felder zu bewässern, denn die dortige Bevölkerung erwartet ebenfalls eine deutliche Produktionssteigerung.

Der Klimawandel dürfte den Wassermangel in den drei Ländern weiter verschärfen. Klimasimulationen für die Region lassen vermuten, dass sich die Unterschiede zwischen trockenen und feuchten Jahren erhöhen werden. Die jährliche Durchflussmenge des Nils könnte deshalb im 21. Jahrhundert um 50 Prozent stärker variieren als im Jahrhundert zuvor. Generell dürften sich die Niederschlagsmengen in den drei Ländern eher verringern als erhöhen. Steigende Temperaturen bedeuten zudem höhere Verdunstungsraten auf bewässerten Feldern und die Gefahr einer Bodenversalzung. Ein steigender Meeresspiegel bedroht darüber hinaus das dicht besiedelte und landwirtschaftlich intensiv genutzte Nildelta, das schon heute unter Erosion und Unterspülung sowie einer Versalzung des Grundwassers durch eindringendes Meerwasser leidet.

Sudan und Ägypten haben seit dem Baubeginn des Stausees im Jahr 2011 gegen das Projekt protestiert und nun verärgert auf die wieder gestartete Befüllung des äthiopischen Wasserspeichers reagiert. Alle Versuche, den Konflikt über internationale Verhandlungen zu lösen, sind bislang gescheitert. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat in der Vergangenheit das Nilwasser zu einer Frage von Leben und Tod erklärt und dem Nachbarn im Südwesten wiederholt mit Krieg gedroht. Das allerdings wäre das Letzte, was die krisengeschüttelte und von ethnischen Konflikten geplagte Region noch brauchen könnte. Mehr Wasser jedenfalls kann kein Krieg liefern.

09.07.2021

Schlechte Nachrichten zum Weltbevölkerungstag

Die Zahl der Menschen auf einem begrenzten Planeten wächst und wächst in konstantem Tempo obwohl sich das Wachstum stark verlangsamt hat. Wie kann das sein?

Vor 33 Jahren, am 11. Juli 1987, haben die Vereinten Nationen den Weltbevölkerungstag ausgerufen. An diesem Tag, so die UN-Statistiker, hatte die Menschheit die Fünf-Milliarden-Hürde genommen. Rund 80 Millionen kamen in jenem Jahr hinzu und es grassierte die Sorge, dass anhaltendes Bevölkerungswachstum auf einem begrenzten Planeten irgendwann zu Problemen führen würde.

Die Furcht vor zu vielen Menschen hat sich seither eher verflüchtigt. Denn über viele Jahre haben sich die Lebensbedingungen in den allermeisten Ländern verbessert. Alle Probleme schienen lösbar. Weltweit ist die Kindersterblichkeit zurückgegangen. Die Einschulungsraten für Kinder sind gestiegen. Die globale Nahrungsmittelproduktion hat sich seit 1970 etwa verdreifacht, während sich die Weltbevölkerung seither „nur“ verdoppelt hat. Infektionskrankheiten wie Malaria oder HIV/Aids werden zurückgedrängt. Die Lebenserwartung, der vermutlich beste Querschnittsindikator für das Wohlergehen der Menschen, steigt fast überall. Die Vereinten Nationen vermelden, dass ein Durchschnittsleben inzwischen fast 73 Jahre währt. Im Jahr 1900 war im Mittel noch mit 30 Jahren Schluss mit dem Dasein.

Vor allem hat sich die Zahl der Kinder, die eine Durchschnittserdenbürgerin im Laufe ihres Lebens bekommt, in den vergangenen 50 Jahren halbiert, von knapp fünf auf mittlerweile 2,4. Das liegt bereits nahe an jenem „bestandserhaltenden“ Wert von 2,1 Kindern je Frau, bei dem eine Bevölkerung mittelfristig aufhört zu wachsen. Auch das relative Wachstum der Weltbevölkerung ist mit etwas über einem Prozent nur noch halb so hoch wie 50 Jahre zuvor. Tendenz: weiter sinkend. Auf den ersten Blick deutet somit alles auf ein baldiges Ende des Bevölkerungswachstums hin.

Doch auf den zweiten Blick offenbart sich hier ein arithmetischer Denkfehler. Denn das gegenüber den 1960er Jahren halbierte Wachstum findet mittlerweile auf der Basis der doppelten Anzahl von Menschen statt. Und das bedeutet: Das relative Wachstum nimmt zwar ab, aber das absolute hält sich weiterhin auf dem gleichen, hohen Niveau. Tatsächlich wächst die Zahl der Menschen seit den 1960er Jahren, als die Furcht vor einer Bevölkerungsexplosion grassierte, kontinuierlich um 70 bis 90 Millionen pro Jahr, im Schnitt um über 80 Millionen. 2019 hat sich die Menschheit um 81,3 Millionen Häupter vermehrt, was etwa der Einwohnerzahl Deutschlands entspricht. Oder um 15 Menschen in jenen sechs Sekunden, die nötig sind, um diesen kurzen Satz zu lesen. Im kommenden Jahr überschreitet die Menschheit aller Voraussicht nach die Acht-Milliarden-Schwelle. Bis Mitte des Jahrhunderts rechnen die Vereinten Nationen mit einer Zahl von 9,5 bis 10 Milliarden. Von Entwarnung an der Wachstumsfront kann somit nicht die Rede sein.

Das anhaltende Wachstum bedeutet, dass es mit jedem neuen Jahr über 80 Millionen Menschen zusätzlich zu versorgen gilt – mit Gesundheitsdiensten, Schulen, Nahrungsmitteln, mit einem Dach über dem Kopf und vor allem mit Arbeitsplätzen und einem Einkommen, das es erlaubt ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber das fällt gerade in jenen Ländern, in denen sich das globale Bevölkerungswachstum konzentriert, in Westasien, den Nahen Osten und vor allem in Afrika südlich der Sahara, immer schwerer. Dort nimmt, entgegen dem langjährigen weltweiten Trend, die Zahl der Hungernden zu, ebenso die Zahl der Kinder, die keine Schule besuchen können. Für das Jahr 2019 schätzte die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die Zahl der Hungernden auf 690 Millionen, das waren immerhin 8,9 Prozent der Weltbevölkerung. Die Covid-19-Pandemie dürfte diese Zahl noch einmal verdoppelt haben. Weil die vielen jungen Menschen oft keine Zukunftschancen für sich sehen, wächst die Frustration, die sich in sozialen und politischen Unruhen entlädt, bis hin zu Bürgerkriegen, Terror und Vertreibung. Nachhaltig ist dieses Bevölkerungswachstum in den armen Ländern nicht.

Der Klimawandel, die Folge des ebenso wenig nachhaltigen Lebensstils in den reichen Ländern, wird diese Probleme weiter deutlich verschärfen. Die Bauern in den wenig entwickelten Ländern können sich immer weniger darauf verlassen, dass der Regen zur richtigen Zeit und in der richtigen Menge fällt. Und mit der prognostizierten Erwärmung werden unberechenbare Stürme, Schädlingsinvasionen und andere Naturkatastrophen wahrscheinlicher. All das ist kein Grund zum Feiern am Weltbevölkerungstag.

Mehr zum Thema hier: Zu viel für diese Welt – Wege aus der doppelten Überbevölkerung. Edition Körber, 2021.

06.07.2021

Nahrung für eine volle Erde

Die Weltbevölkerung wächst nach wie vor um etwa 80 Millionen pro Jahr. Rund um den Globus erodieren Ackerflächen. Der Klimawandel macht es vielen Landwirten immer schwerer. Wir lassen sich bald schon zehn Milliarden Menschen mit Nahrung versorgen?

Natürlich wäre es möglich, die gesamte Menschheit von nahezu acht Milliarden Menschen angemessen zu ernähren. Dafür müsste man lediglich verhindern, dass ein Viertel der Feldfrüchte auf dem Weg vom Acker zum Teller vergammelt und weggeworfen wird, dass Rinder, Schweine und Hühner nicht ein gutes Drittel der weltweiten Getreideernte und fast die komplette Sojaproduktion fressen, von denen eigentlich auch Menschen leben könnten, dass Nahrungspflanzen in der Biogas- und Biotreibstofferzeugung landen und dass Terror und Konflikte die Arbeit der Bauern behindern. Theoretisch wäre all das möglich. Genauso wie es theoretisch möglich wäre, den Klimawandel bei 1,5 Grad Erwärmung zu stoppen oder die Vermüllung der Ozeane zu begrenzen.

Dummerweise sieht die Praxis anders aus: Noch immer nimmt der Dreck in den Weltmeeren zu, während die Fischbestände schwinden. Die erdnahen Luftschichten dürften sich, allen Lippenbekenntnissen der Klimapolitik zum Trotz, nach Stand der tatsächlichen Maßnahmen im Mittel auf zwei bis drei Grad erhitzen. Und weltweit mussten sich im Jahr 2019 jeden Abend rund 700 Millionen Menschen hungrig zum Schlafen legen. Sie hatten pro Tag weniger als 1.800 Kilokalorien zur Verfügung und galten damit als unterernährt. Covid-19 hat die Krise noch verstärkt. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schätzt, dass heute über 270 Millionen vom Hungertod bedroht sind, doppelt so viele wie vor der Pandemie. Zum Vergleich: Ein Durchschnittsbewohner Deutschlands verzehrt rund 3.500 Kilokalorien am Tag. Dafür gilt über die Hälfte der Bevölkerung als übergewichtig.

Die Reichen der Welt laden sich ihre Teller also deutlich voller als die Armen, mit Nahrung, die irgendwo erzeugt werden muss. Rund die Hälfte der bewohnbaren Erdoberfläche wird dafür landwirtschaftlich genutzt, ein Drittel der Böden ist bereits degradiert, was die Nahrungsproduktion einschränkt.

Hinzu kommt, dass die Zahl der Menschen seit rund 50 Jahren mehr oder weniger konstant um 80 Millionen pro Jahr wächst, was ungefähr der Einwohnerschaft Deutschlands entspricht. 2050 dürfte es annähernd zehn Milliarden Erdenbewohner geben. Der Zuwachs findet fast ausschließlich in den wenig entwickelten Ländern statt, in Westasien und vor allem in Afrika südlich der Sahara, also dort, wo schon heute die meisten Unterernährten leben.

Die doppelte Überbevölkerung

In den betroffenen Ländern, in denen es nicht gelingt, die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen, nicht nur mit Nahrung, sondern auch mit Gesundheitsdiensten, Schulen und Jobs, kann man getrost von einer Überbevölkerung sprechen, denn diese Situation ist mittelfristig nicht tragbar. Aber es gibt noch eine andere Form der Überbevölkerung und die ist noch weniger nachhaltig. Sie zeigt sich dort, wo die Zahl der Menschen kaum noch oder gar nicht mehr wächst – in den wohlhabenden, weit entwickelten Ländern wie Deutschland. Dort verbrauchen die Menschen deutlich mehr Rohstoffe, als die Umwelt im gleichen Zeitraum nachliefern kann und sie hinterlassen mehr Müll in jeder Form, als die natürlichen Kreisläufe schadlos aufnehmen können. Das Kohlendioxid aus dem Verbrennen fossiler Brennstoffe ist das prominenteste, aber längst nicht einzige Beispiel dafür. Kohle, Öl und Erdgas sind das Fundament unseres heutigen Wohlstands. Sie befeuern aber den Klimawandel. Der wiederum wirkt sich dort am schlimmsten aus, wo die Bevölkerungen stark wachsen und die Menschen zu wenig zu essen haben.

Wie sollen unter diesen Bedingungen in gerade mal 29 Jahren zehn Milliarden Menschen ernährt werden? Zunächst gilt es zu verhindern, dass es tatsächlich zehn und längerfristig noch mehr Milliarden werden. Wie sich das Bevölkerungswachstum auf menschenfreundliche Weise eindämmen lässt, ist hinlänglich bekannt: Überall, wo sich die Gesundheitsversorgung verbessert hat und die Kindersterblichkeit gesunken ist, realisieren die Menschen, dass es besser ist die Familiengröße zu begrenzen. Wo sich Bildung ausbreitet, insbesondere unter Mädchen, und wo Frauen mehr Rechte erlangen, sinken die Kinderzahlen rapide. Und wo auskömmliche Arbeitsplätze entstehen, wo die Menschen ihre Zukunft planen können, gewinnt die Familienplanung an Bedeutung.

Damit wäre, zumindest mittelfristig, die eine Form der Überbevölkerung unter Kontrolle – aber das nächste Problem auf dem Tisch. Denn sobald sich der Wohlstand in den armen Ländern ausbreitet, was das erklärte Ziel von Entwicklung ist, wächst der Hunger nach höherwertigen tierischen Lebensmitteln wie Milch und Fleisch. Unter diesen Bedingungen müssten bis 2050 nach Berechnungen des amerikanischen World Resources Institute im Vergleich zu 2010 rund 56 Prozent mehr Agrarkalorien produziert werden und nicht 40 Prozent, was dem reinen Anstieg der Weltbevölkerung entspräche. Ohne weitere Umweltschäden ist das nicht zu machen.

Um das zu vermeiden und trotzdem mehr Nahrungsmittel zu produzieren, muss sich in den wenig entwickelten Ländern eine neue Form der Landwirtschaft etablieren. Sie muss höhere Erträge liefern, aber ohne dabei Schaden anzurichten. Bislang fahren die Bauern vor allem in Afrika Ernten ein, die weit unter dem liegen, was möglich wäre. Afrikas Landwirtschaft liegt überwiegend in den Händen kleiner Betriebe, die in mühseliger Handarbeit im Wesentlichen für die eigene Familie und nicht für den Markt produzieren. Sie bleiben arm, haben keinen Zugang zu Kapital, zu zertifiziertem Saatgut, zu Dünger, Maschinen und anderen produktionssteigernden Mitteln. Und ihnen fehlt das Fachwissen für eine moderne und umweltschonende Landwirtschaft.

„Nachhaltige Intensivierung“ heißt das Zauberwort, mit dem sich dies ändern ließe. Dabei dürfen sich afrikanische Bäuerinnen und Bauern nicht an der industriellen Produktionsweise europäischer oder amerikanischer Agrarbetriebe orientieren. Diese erreichen zwar erhebliche Erträge, aber auf Kosten der Umwelt und des Weltklimas. Sie verbrauchen extrem viel Wasser, stoßen enorme Mengen an Treibhausgasen aus, belasten mit ihrer Düngung Grundwasser, Seen, Flüsse und dezimieren mit chemisch-synthetischen Schädlings- und Unkrautvernichtungsmitteln die Artenvielfalt. Ähnliche Fehlentwicklungen gab es auch in den einstigen asiatischen Entwicklungsländern im Rahmen der Grünen Revolution.

Afrika braucht deshalb eine „grünere“ Grüne Revolution. Die Landwirte sollten dafür mehr in Misch-, als in Monokulturen arbeiten, also etwa Getreide mit Hülsenfrüchten kombinieren, die eigenständig Stickstoffdünger liefern können. Sie sollten das kostbare Wasser effizienter nutzen und klimaangepasstes, qualitätsgeprüftes Saatgut verwenden, konventionell gezüchtetes wie auch solches, dessen Erbgut mithilfe von „Genscheren“ punktgenau verändert ist. Die Pflanzen, die daraus wachsen, können beispielsweise Parasiten und Fraßinsekten aus eigener Kraft abwehren und benötigen weniger oder gar keine Pestizide. Notwendig ist verbessertes Saatgut auch bei bisher von der Züchtungsforschung vernachlässigten Feldfrüchten wie Hirse, Yams oder Maniok. Diese werden zwar nicht weltweit gehandelt, gehören aber in vielen Ländern zur Basisernährung.

Und die Bauern können von der Digitalisierung profitieren. Schon das allgegenwärtige Handy hat der Landwirtschaft einen enormen Entwicklungsschub gegeben. Afrikanische Landwirte lassen sich mobil beraten und schließen Ernteausfallversicherungen ab. Sie können mit einfachen Sensoren Feuchtigkeit, Säuregrad und Nährstoffgehalt der Böden messen und so Präzisionsfeldbau betreiben. Sie profitieren von Unternehmen wie dem kenianischen „Hello Tractor“, einer Art Uber für Landmaschinen, das Traktoren und andere Gerätschaften samt Fahrer auf mobile Anfrage bereitstellt und den Gebrauch per GPS-Ortung minutengenau abrechnet.

Bleibt in dem großen Klima- und Bevölkerungspuzzle die Frage, wie sich die zweite, die konsumbedingte Überbevölkerung der reichen Länder bewältigen lässt. Sicher ist, dass weder die Agrarproduktion noch die Ernährungsgewohnheiten der dortigen Bevölkerungen ein Beispiel für den ganzen Planeten sein können. Würden alle Menschen nach diesem Muster leben, würde der Klimawandel entgleisen, die letzten Naturräume stünden vor dem Ende.

Natürlich könnten sich die Menschen in den wohlhabenden Ländern im Sinne des Klimaschutzes und der globalen Gerechtigkeit mäßigen. Sie wissen um die Probleme ihrer Lebensweise. Sie könnten ihr Verhalten entsprechend verändern – zumindest theoretisch.

 

Mehr zum Thema in dem Buch: „Zu viel für diese Welt – Wege aus der doppelten Überbevölkerung“, Edition Körber, Hamburg 2021.

© Copyright Alle Fotos: Reiner Klingholz