Reiner Klingholz

Blog Bevölkerung und Entwicklung

13.01.2022

Wie viele werden kommen?

Die starke Flüchtlingszuwanderung von 2015/16 scheint Vergangenheit – das ist vermutlich ein Irrtum

Im Jahr 2016 gab die Mehrheit der Deutschen in einer regelmäßigen Befragung der R+V-Versicherung zu Protokoll, dass ihre größten Sorgen der Terrorismus, Spannungen durch den Zuzug von Ausländern und eine Überforderung der Gesellschaft durch Geflüchtete seien. 2018 fürchteten sie sich vor allem vor den Folgen der Politik eines erratisch agierenden US-Präsidenten Donald Trump. Und 2021 stand die Sorge vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen wegen der Corona-Pandemie im Vordergrund. Zugewanderte und Geflüchtete hatten zumindest einen Teil ihres Bedrohungspotenzials verloren.

2021 kamen allerdings weit weniger neue Migranten nach Deutschland als noch während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16, weil viele Grenzen coronabedingt weitgehend geschlossen waren. Aber die Zuwanderung dürfte bald schon wieder zunehmen, denn die Zahl der Menschen, denen es deutlich schlechter geht als jenen in Deutschland und die gute Gründe haben, ihr Land Richtung Europa zu verlassen, ist über die Jahre deutlich gewachsen.

In Zahlen kaum zu fassen

Doch wie sich die künftige Migration konkret entwickeln wird und wie viele Menschen sich aus welchen Überlegungen auch immer auf den Weg bis nach Europa machen werden, lässt sich schwer vorhersagen. Zu vielfältig sind die Gründe, die Menschen dazu bewegen ihre Heimat aufzugeben. Diese wandern aus wirtschaftlicher Not, wegen politischer Verfolgung, weil sie sich anderswo höhere Einkommen versprechen oder um ihren Kindern bessere Bildungschancen zu ermöglichen. Hinzu kommt als neuer Schlüsselfaktor der Klimawandel, der bis 2050 über 200 Millionen Menschen ihre Existenzgrundlage rauben dürfte, wie Mo Hamza, ein Experte für Risikoabschätzung von der schwedischen Lund Universität meint. Zudem würden die Migrationsmotive werden immer komplexer.

Weg wollen die Menschen vor allem aus afrikanischen Ländern. Dort ist der Migrationswunsch weltweit am größten, wie das amerikanische Markt- und Meinungsforschungsinstitut Gallup in ausgedehnten Befragungen herausgefunden hat. Die jüngsten Daten stammen zwar aus dem Jahr 2018, aber schon damals antworteten gut 60 Prozent der Erwachsenen in den Ländern südlich der Sahara auf die Frage „Würden Sie dauerhaft in ein anderes Land ziehen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?“ mit „Ja“. Weil die Bevölkerung in diesem Teil der Welt stark wächst und der Klimawandel die Probleme in Landwirtschaft, Tierhaltung und Fischerei verschärfen dürfte, wird sich der Migrationsdruck in Zukunft mit Sicherheit weiter erhöhen. Am Ende macht sich allerdings nur ein Bruchteil der Personen mit Abwanderungsgedanken tatsächlich auf den Weg, denn zwischen dem Wunsch und einer wirklichen Migration sind zahllose Hürden aufgebaut: Viele haben gar nicht die Mittel oder die notwendigen Netzwerke eine solche Reise zu organisieren und zu finanzieren. Und wenn sie aufbrechen, dann ist das Ziel in der Regel ein afrikanisches Nachbarland und nicht das ferne Europa.

Von umweltbedingter und deshalb unfreiwilliger Migration bedroht sind vor allem Menschen in armen, ländlichen Regionen der wenig entwickelten Länder, die sich kaum an veränderte Klimabedingungen anpassen können. Das Flüchtlingskommissariat der Vereinen Nationen UNHCR schreibt, dass schon heute 90 Prozent der weltweiten Flüchtlinge aus Gebieten stammen, die extrem anfällig für die Folgen des Klimawandels und die daraus resultierenden sozialen und politischen Konflikte sind. Diese Menschen gelten in der Regel als „intern Vertriebene“, sie landen meist in den städtischen Ballungszentren ihrer eigenen Länder.

Krisenzonen Mena und Horn von Afrika

Die für Europa wichtigsten Klimawandel- und Migrationshotspots der nahen Zukunft dürften Nordafrika und der Nahe Osten sein. Die überwiegend arabisch geprägte Mena-Region (Kürzel für: Middle East/North Africa) ist das trockenste und wasserärmste Gebiet der Welt und hat über die nächsten Jahrzehnte mit steigenden Temperaturen und einen Rückgang der Niederschläge zu rechnen. In einigen Ländern wird über die Hälfte des Wassers aus fossilen Quellen gefördert, die sich über Jahrtausende nicht natürlich regenerieren. Die Landwirtschaft in der Mena-Region verbraucht nach Analysen der Weltbank schon heute 85 Prozent des verfügbaren Wassers. Sie produziert dennoch viel zu wenig Nahrungsmittel, weshalb die Region über die Hälfte ihres Getreidebedarfs einführen muss. Die prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels bedeuten eine stärkere Verdunstungsrate auf den Agrarflächen sowie Ernteverluste, während die Nachfrage nach Lebensmitteln wegen des Bevölkerungswachstums steigt. Die ohnehin schon gefährlich hohe Arbeitslosigkeit dürfte sich erhöhen, denn 35 Prozent aller Jobs hängen an der Landwirtschaft. Mena wird nach Weltbank-Prognosen die weltweit stärksten wirtschaftlichen Verluste durch den Klimawandel erleiden. Vielen Menschen wird keine andere Wahl bleiben, als abzuwandern.

Eine andere Krisenregion in Sachen Klimawandel und Migration ist das Horn von Afrika mit den Ländern Äthiopien, Eritrea, Dschibuti und Somalia. Dort müssen über 140 Millionen Menschen ernährt werden und weil es kaum künstliche Bewässerung gibt, sind die Bauern und Viehhirten auf verlässliche natürliche Regenfälle angewiesen. 2017 und 2018 aber hatte die Region mit einer ungewöhnlichen Hitzewelle und Dürreperiode zu kämpfen. 2019 sorgten dann übermäßige Regenfälle für Überflutungen und Erdrutsche, vernichteten Ernten, ließen die Ackerböden erodieren und bereiteten den Boden für eine verheerende Heuschreckenvermehrung. Zwölf Millionen Menschen waren vom Hunger bedroht und die ohnehin schon vorherrschenden ethnischen Konflikte verstärkten sich. Die Internationale Organisation für Migration IOM bilanzierte 2020 am Horn von Afrika rund 6,5 Millionen intern Vertriebene und 3,5 Millionen Flüchtlinge, die zum Teil auch aus angrenzenden Ländern wie Sudan und Kenia stammten, wo ähnliche klimatische Anomalien vorherrschten. Natürlich werden auch die beobachteten Wanderungen am Horn von Afrika von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, aber eine Studie von IOM und der amerikanischen Harvard Humanitarian Initiative konnte jüngst einen eindeutigen statistischen Zusammenhang zwischen den klimatischen Extremen und den Migrationsbewegungen nachweisen.

Wo Klimawandel und enormes Bevölkerungswachstum kollidieren

Das nächste potenzielle Herkunftsgebiet für Klimaflüchtlinge liegt direkt unterhalb des Horns von Afrika, in der ostafrikanischen Region rund um den Victoriasee mit den Ländern Kenia, Tansania, Uganda, Burundi und Ruanda. Obwohl das Gebiet über gute Böden verfügt und dort eigentlich ein relativ gemäßigtes Klima vorherrscht, ist es von einer Verschiebung der Niederschlagszonen und von Dürrewellen bedroht. Damit sind Millionen von Kleinbauern in ihrer Existenz gefährdet. Die Küsten haben steigende Meerespegel und heftigere Sturmfluten zu erwarten. Gleichzeitig dürfte sich die Bevölkerung der fünf Länder bis Mitte des Jahrhunderts annähernd verdoppeln. Entsprechend erwartet eine Studie der Weltbank ab 2030 größere Migrationsströme, wenn es bis dahin keine entscheidenden Klimaschutzerfolge und Entwicklungsbemühungen gibt. Bis 2050 sei mit 38,5 Millionen Klimavertriebenen zu rechnen, das wären über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Am schlimmsten betroffen wären Uganda und Tansania – nicht zufällig jene Länder, in denen die Bevölkerung am stärksten wächst.

Die Menschen würden dann aus trockeneren Zonen in die höher gelegenen und feuchteren Lagen am Victoriasee umsiedeln. Dort herrscht aber schon heute eine hohe Bevölkerungsdichte, etwa im tansanischen Mwanza am Südufer des Sees. Die mittlerweile zweitgrößte Stadt des Landes bietet mittlerweile 1,2 Millionen ein Zuhause, im Jahr 2000 waren es gerade einmal etwas mehr als 300.000. Die Versorgungslage mit den nötigen Infrastrukturen ist desaströs, die Slumgebiete weiten sich immer mehr aus und Armut ist weit verbreitet. Der Victoriasee, dessen Fische eine wichtige Ernährungsgrundlage für die Anwohner bedeuten, steht vor dem ökologischen Kollaps.

Europa ist indirekt betroffen

Die künftigen Klimavertriebenen Afrikas werden es armutsbedingt kaum bis nach Europa schaffen. Doch wenn es durch die Binnenmigration zu einem zusätzlichen Druck auf die ohnehin stark wachsenden Städte des Kontinents kommt, ist in den dortigen Armutsvierteln mit Verteilungskonflikten, politischen Unruhen bis hin zu bewaffneten Konflikten und insgesamt mit wankenden Regierungen zu rechnen. Umweltschäden verstärken somit andere Migrationsursachen und veranlassen jene Stadtbewohner, die es sich erlauben können, eine Auswanderung zu organisieren.

Nach diesem Muster dürften sich etwa der Bürgerkrieg und die millionenfache Flucht aus Syrien entwickelt haben: Die Levante hatte von 2006 bis 2011 eine ungewöhnliche Dürreperiode erlebt, die zu deutlichen Ernteeinbußen und einer inflationären Steigerung der Nahrungsmittelpreise führte. 1,5 Millionen Landbewohner verloren allein in Syrien ihre Existenzgrundlage und taten das, was auch Klimavertriebene in Afrika tun werden: Sie zogen in die Städte. In den syrischen Städten hatten aber bereits 1,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Irak Zuflucht gesucht. Die Konfliktursachen in den Zentren überlagerten sich, 2011 kam es zu Demonstrationen gegen die Lebensmittelpreise und gegen die Regierung. Das Assad-Regime schlug mit aller Härte zurück, es formierte sich Widerstand und bis zum Bürgerkrieg, dem IS-Terror und der massenhaften Flucht war es nur noch ein kurzer Weg.

Pulverfass Sahel

Es braucht wenig Fantasie, um diese Entwicklung nicht auch auf die afrikanische Sahelregion zu projizieren, ein weiteres Gebiet mit hohem Migrationspotenzial, das nicht allzu weit von Europa entfernt liegt. Starkes Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Übernutzung der Böden und der Wasserreserven destabilisieren derzeit praktisch alle Länder der Region. Vielerorts kommt es zu tödlichen Konflikten zwischen sesshaften Bauern und nomadisierenden Landbewohnern, die kein Weideland mehr für ihr Vieh finden. Kriminelle Banden und Terrororganisationen breiten sich aus, denen die Regierungen weitgehend machtlos gegenüberstehen.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR vermeldet für die Sahelzone rund drei Millionen Menschen auf der Flucht vor Gewalt, beziehungsweise vor den zahlreichen Ursachen, die letztlich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen. UNHCR sieht keinerlei Hoffnung auf Frieden und Stabilität für die Region. Dies sei der Grund dafür, dass sich wieder mehr Menschen auf die extrem gefährliche Reise durch die Sahara und über das Meer bis nach Europa machen.

Was tun?

Es ist klar, dass sich Klima- und Migrationsprobleme, die sich über Jahrzehnte ohne wirksame Gegenmaßnahmen aufgetürmt haben, nicht handstreichartig lösen lassen. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass sie sich noch über viele Jahre verschärfen werden, selbst wenn es endlich zu abgestimmten, internationalen Anstrengungen kommen sollte, beide Herausforderungen zu bekämpfen. Deshalb gehören vor allem folgende Maßnahmen auf die Agenda der Weltgemeinschaft:

  • Die reichen und deshalb besonders klimaschädigenden Industrieländer und die aufstrebenden Schwellenländer müssen ihre Treibhausgasemissionen dringend reduzieren und bis spätestens 2050 auf Netto-Null-Emissionen kommen. Nur mit sofortigen, radikalen und zunächst vermutlich unpopulären Maßnahmen lässt sich dieses Ziel erreichen.
  • Das müssen die reichen Länder auch tun, um dem armen Teil der Welt dringend notwendige Entwicklungsschritte zu erlauben, die ohne neuen Energie- und Rohstoffverbrauch nebst den unvermeidlichen Emissionen gar nicht möglich sind. Diese Schäden sind vorübergehend zu akzeptieren, denn ohne Entwicklung gibt es kein Ende des Bevölkerungswachstums. Hält es an, werden alle Versuche die armen Länder zu stabilisieren ins Leere laufen.
  • Weil sich der Klimawandel auf mittlere Sicht gar nicht stoppen lässt (aber umso mehr akut bekämpft werden muss), brauchen jene Länder, die am stärksten unter den Folgen leiden werden, Unterstützung dabei, möglichst umweltfreundliche Arbeitsplätze zu schaffen und sich an die Klimaveränderungen anzupassen. Wichtig sind vor allem neue Jobs im Industrie- und Dienstleistungssektor, die nicht durch den Klimawandel gefährdet sind.
  • In Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum und bereits deutlich spürbaren Umweltveränderungen ist Abwanderung unvermeidlich. Sie sollte deshalb so gesteuert werden, dass dabei für alle Beteiligten ein Nutzen entsteht. Weit entwickelte Länder brauchen aus demografischen Gründen vermehrt Zuwanderung und auch in den betroffenen Regionen können Migranten jenseits ihrer Heimatländer zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Migranten bringen in der Regel neue Ideen mit und haben per se ein entwicklungspolitisches Potenzial, denn sie wollen ihr eigenes Leben aus eigener Kraft verbessern. Migration muss deshalb Teil der Entwicklungsplanung werden.
  • Sekundärfolgen des Klimawandels wie Bodenerosion, Waldverluste oder Übernutzung von Wasserreserven sind mit angepassten Landwirtschaftsmethoden zu minimieren. Gute Ideen und funktionierende Pilotprojekte wie die Züchtung von angepasstem Saatgut, Präzisionsackerbau oder Minimalbewässerung sind möglichst rasch in die Breite zu tragen. Die entsprechenden Länder sollten sich dabei des Prinzips des „Leapfroggings“ bedienen. So lautet der Fachbegriff für den Sprung zu technischen und sozialen Errungenschaften, die Menschen das Leben leichter machen, wobei ineffiziente, umweltschädliche und kostspielige Zwischenstufen der Entwicklung möglichst ausgelassen werden.
  • Klimaforscher und Agrarexpertinnen müssen Frühwarnsysteme für kleinräumige Umweltveränderungen entwickeln, damit sich die betroffenen Bevölkerungen und Verwaltungen frühzeitig auf entsprechende Veränderungen einstellen und gegebenenfalls anpassen können.

14.12.2021

Demografische Schieflagen

Zu viel, zu wenig, zu alt, zu jung?

Gibt es so etwas wie eine ideale Bevölkerungsgröße, eine idealen Bevölkerungsaufbau? Sind viele junge Menschen ein wirtschaftlicher Segen? Welche Herausforderungen bringt eine schrumpfende Bevölkerung mit sich? Wann stößt Bevölkerungswachstum an seine Grenzen?

Diese Fragen stellen sich immer häufiger, denn heutzutage erleben wir die historisch größten demografischen Ungleichgewichte auf der Welt. Während die Bevölkerung in Westasien und Afrika stark wächst, stehen die weiter entwickelten Länder, insbesondere in Osteuropa und Ostasien, vor einer demografischen Zeitenwende: Nach ein paar Jahrhunderten des Wachstums kündigt sich hier vielerorts eine Stagnation oder gar ein Rückgang der Bevölkerung an. Über 90 Länder verzeichnen inzwischen Geburtenziffern, die mittelfristig auf ein Schrumpfen hinauslaufen. 18 Länder weltweit verlieren schon Einwohner – Tendenz zunehmend.

Sicher ist, dass sowohl ein starkes Wachstum wie auch ein Schrumpfen Probleme mit sich bringen: Von der ersten Variante sind arme Länder betroffen, in denen es schon heute nicht gelingt die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen. Insbesondere fehlt es an Jobs für die großen Zahlen an nachwachsenden jungen Arbeitsuchenden. Bei anhaltendem Wachstum wird es für die dortigen Regierungen immer schwieriger soziale Unruhen, politische Konflikte und das Vordringen radikaler Gruppen zu vermeiden. Es ist sicher kein Zufall, dass in den Ländern mit dem weltweit höchsten Bevölkerungszuwachs entweder Bürgerkrieg herrscht oder zumindest bewaffnete Auseinandersetzungen und Terror an der Tagesordnung sind: In Asien wachsen Afghanistan, die palästinensischen Autonomiegebiete, Jemen und Irak besonders stark, in Afrika Niger, Somalia, Tschad, Mali und die Demokratische Republik Kongo. All diese Länder erreichen auf dem Index der gescheiterten Staaten die Alarmstufe.

Die demografische Krise jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs

Ganz andere Herausforderungen bringt ein Bevölkerungsrückgang mit sich. Er entsteht, wenn mehr Menschen sterben als geboren werden und/oder wenn mehr Menschen ab- als zuwandern. Ersteres beruht in der Regel auf gesunkenen Kinderzahlen je Frau. Das führt zu einer Alterung der Gesellschaft und verursacht steigende soziale Kosten, weil weniger Nachwuchskräfte in den Arbeitsmarkt hineinwachsen, als ältere in den Ruhestand wechseln. Zweiteres bedeutet einen Verlust an Produktivkräften, weil meistens Menschen im jungen Erwerbsalter und mit überdurchschnittlicher Ausbildung abwandern.

In den meisten mittel-, ost- und südosteuropäischen Ländern sowie im Baltikum, also im ehemaligen Ostblock, wirken beide Kräfte auf die Bevölkerungsentwicklung ein. Die Kinderzahl je Frau, auch Fertilitätsrate genannt, die vor 1990 deutlich über jener in Westeuropa lag, ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs massiv abgesackt. In der Ukraine, der Republik Moldau oder Bosnien-Herzegowina bekommen Frauen im Schnitt nur noch 1,1 bis 1,2 Kinder. Nirgendwo in der Region erreicht die Fertilitätsrate auch nur annähernd dem Wert von 2,1, der für eine stabile Bevölkerung nötig wäre.

Gleichzeitig lässt die wirtschaftliche und politische Lage in diesen Ländern viele Menschen ins nahe Westeuropa abwandern. Die Folge ist eine rasche Alterung der verbliebenen Bevölkerung, ein Schwund, der über die kommenden Jahrzehnte anhalten wird, und eine Verödung vieler ländlichen Gebiete. Die genannten Länder dürften bis 2050 rund ein Fünftel bis ein Viertel ihrer heutigen Einwohner verlieren. Nicht viel besser sieht es in den meisten anderen Ländern der Region aus. Die Frage ist, wie die Regierungen dann die steigenden Renten- und Gesundheitskosten bei sinkenden Steuereinnahmen finanzieren wollen.

Ostasiatische Implosionen                                                                                          

Im Vergleich dazu ist Ostasien eher für seine wirtschaftlichen Erfolge bekannt. Japan, Südkorea, Taiwan, Singapur und China haben in der Vergangenheit einen historisch einmaligen Aufstieg von wenig entwickelten Ländern zu führenden High-Tech-Nationen erlebt. Sie haben eine „demografische Dividende“ eingefahren, also einen maximalen Nutzen aus ihren letzten geburtenstarken Jahrgängen gezogen. Diese waren es, die gut ausgebildet und mit ausreichend Jobs versorgt das ostasiatische Wirtschaftswunder angekurbelt haben. Weil gleichzeitig die Geburtenziffern rapide sanken, dadurch weniger Kinder und Jugendliche versorgt werden mussten und zunächst nur eine geringe Zahl an alten Menschen auf Unterstützung angewiesen war, konnten die Regierungen hohe Einnahmen bei geringen Sozialkosten erzielen. Sie hatten die Möglichkeit Riesensummen in Bildung und Forschung zu investieren und die Wirtschaft weiter zu fördern.

Doch die geburtenstarken Jahrgänge, die einstigen Motoren des Aufschwungs, sind mittlerweile in die Jahre gekommen und wachsen langsam, aber sicher aus der Erwerbsbevölkerung heraus. Ihnen folgen wegen des wirtschaftswunderbedingten Geburteneinbruchs Kohorten, die deutlich dünner besetzt sind.

Wie schnell aus einer jungen, innovativen Gesellschaft mit hohem Wirtschaftswachstum eine sehr alte, ökonomisch stagnierende werden kann, zeigt zunächst einmal Japan. Bis Anfang der 1990er Jahre galt das Land als Maß aller Dinge in Sachen Fortschritt. Heute ist ein Viertel der Bevölkerung 65 Jahre und älter, das ist Weltrekord. Seit zwei Jahrzehnten wächst die Wirtschaft kaum noch, dafür umso mehr die Verschuldung des Landes. 2011 begann die Bevölkerung zu schrumpfen, zunächst in kleinen Schritten, die jetzt immer größer werden. Heute leben im Reich der aufgehenden Sonne 125 Millionen Menschen, das bedeutet immerhin noch Platz 11 unter den Bevölkerungsriesen der Welt. 2060 werden es nach Schätzungen des nationalen statistischen Büros noch 93 Millionen sein. Das würde nicht einmal mehr für die Top 20 unter den bevölkerungsreichsten Ländern reichen. Dann dürften fast 40 Prozent der Japanerinnen und Japaner der Generation 65+ angehören.

Japan ist aber nur der Vorreiter der demografischen Implosion in Ostasien. In Südkorea, wo der Geburtenrückgang später, aber umso heftiger einsetzte, bekommen die Frauen im Schnitt nur noch 0,9 Kinder, das ist Negativweltrekord. Um 2050 dürfte Südkorea Japan als ältestes Land der Welt abgelöst haben. In Taiwan liegt die Fertilitätsrate bei 1,0, in Singapur bei 1,1, in China bei 1,3, weshalb das Zentralkomitee seine rigorose Ein-Kind-Politik jüngst panisch in eine Drei-Kind-Politik umgewandelt hat, allerdinge ohne merklichen Erfolg. Diese Länder stecken allesamt in einer „Niedrig-Fertilitäts-Falle“, aus der es vermutlich kaum ein Entkommen gibt: Gestiegene Bildungswerte, insbesondere bei Frauen, und eine hohe Frauenerwerbsbeteiligung kollidieren mit anhaltend patriarchalen Denkmustern, die Frauen eher in einer traditionellen Rolle in Sachen Familie sehen. Das führt dazu, dass Frauen sich immer häufiger gar nicht erst auf eine Heirat einlassen. Und weil Kinder ohne Trauschein noch immer ein Tabu sind, kommt immer weniger Nachwuchs zur Welt.

Die Folgen des demografischen Wandels in Ostasien liegen auf der Hand: Die Bevölkerung im Erwerbsalter schrumpft, die Innovationskraft sinkt, weil es erfahrungsgemäß die 20- bis 40-Jährigen sind, die für bahnbrechende Erfindungen sorgen, die Kosten der Altersversorgung steigen und letztlich schrumpft die Gesamtbevölkerung. 2020 kamen in Japan auf 100 Erwerbspersonen (20 bis 64 Jahre) 52 Ruheständler (über 64 Jahre), 2050 werden es Prognosen zufolge 79 sein. In Südkorea steigt der Ruheständleranteil je 100 Personen im Erwerbsalter von 24 auf 79; in China von 19 auf 47.

Der sich abzeichnende Arbeitskräftemangel ließe sich zwar durch Zuwanderung abfedern, aber bisher sind in diesen Staaten die Vorbehalte groß, ausländische Fachkräfte anzuwerben (oder Geflüchtete aufzunehmen), geschweige denn, sie als ganz normale Mitbürger zu akzeptieren und zu integrieren.

Eine Rückkehr zu einem natürlichen Bevölkerungszuwachs, also ein Wachstum allein aufgrund eines Geburtenüberschusses, gilt als ausgeschlossen. Denn historisch ist kein Land bekannt, in dem die Fertilitätsrate nach dem Absinken wieder über den „bestandserhaltenden“ Wert von 2,1 Kindern je Frau gestiegen wäre. Ostasien muss sich also auf einen Rückgang der Bevölkerung einstellen, wie er in Japan längst begonnen hat. Bis Mitte des Jahrhunderts dürfte China rund 150 Millionen Einwohner verlieren, das sind so viele, wie heute insgesamt in Deutschland und Frankreich leben.

Aus ökologischer Sicht wäre das sogar sinnvoll, denn die Menschheit hat längst eine Größe erreicht, die eine Gefahr für ihr eigenes Überleben bedeutet. Genau wie die weit entwickelten Länder in Europa und Amerika tragen die asiatischen Industrieländer überproportional zum Ressourcenverbrauch und zu Schadstoffemissionen aller Art bei. Weniger Hochverbraucher und Hochverschmutzer wären ein Segen für die Umwelt. Aus rein wirtschaftlichen Gründen allerdings wäre ein leichtes Bevölkerungswachstum vorteilhaft, denn es bedeutet eine steigende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Wie immer ist es schwer, ökonomische und umweltpolitische Erfordernisse unter einen Hut zu bringen.

Was tun?

Eine „ideale“ Bevölkerungsgröße und -zusammensetzung lässt sich somit kaum definieren. Natürlich wäre es für ein Land praktisch, wenn Bevölkerungszahl und Altersstruktur einigermaßen konstant blieben, denn dann lassen sich Infrastrukturen am effizientesten nutzen, was kosten- und rohstoffsparend ist. Steigende Kinderzahlen etwa bedeuten, dass viele Schulen gebaut werden müssen, bei weniger Nachwuchs werden diese obsolet. Bleibt alles, wie es ist, sind kaum Anpassungen nötig.

Aber das passiert so gut wie nie, denn es ist unvermeidlich, dass sich eine Bevölkerungszusammensetzung im Rahmen der sozioökonomischen Entwicklung verändert: Weltweit sind über die vergangenen Jahrzehnte die Geburtenziffern gesunken, was vor allem mit wachsendem Wohlstand und steigenden Bildungswerten zu tun hat. Aus den gleichen Gründen ist allerorts die Lebenserwartung gestiegen. Alternde und schrumpfende Gesellschaften sind demnach die logische Folge einer grundsätzlich erfreulichen Entwicklung.

Rechtzeitig anpassen: Deutschland in der Pionierrolle

Es kommt in Zukunft also darauf an sich möglichst gut an diese zwangsläufigen Veränderungen anzupassen. Länder, die den demografischen Wandel früh erleben, haben hier eine besondere Aufgabe: Sie können (und sollten) als Pioniere jene gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modelle entwickeln, mit dem Wandel klarzukommen. Diese Modelle werden über kurz oder lang überall gebraucht und wer rechtzeitig über sie verfügt, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Deutschland wäre prädestiniert für diese Vorreiterrolle, denn dort ist die Fertilitätsrate früher als anderswo, genau gesagt seit 1972, unter den bestandserhaltenden Wert von 2,1 Kindern je Frau gefallen. Die DDR und die alte BRD zusammengerechnet verzeichnen seit einem halben Jahrhundert in jedem einzelnen Jahr mehr Sterbefälle als Geburten, also eine negative natürliche Bevölkerungsentwicklung. Dass die Einwohnerzahl zwischen Rügen und dem Bodensee seither dennoch um 4,5 Millionen gestiegen ist, liegt einzig an der Zuwanderung.

Damit hat Deutschland zumindest in dieser Hinsicht besser vorgesorgt als Japan, als Land mit der weltweit ältesten Bevölkerung ein weiterer Pionier, das allerdings nicht als zuwanderungsfreundlich gilt, sondern eher als xenophob. Aber ansonsten wird Deutschland seiner demografischen Vorreiterrolle kaum gerecht. Die Tatsache, dass die kopfstärkste Zehnjahreskohorte in der Bevölkerungspyramide zwischen 50 und 60 Jahre alt ist und geradewegs auf den Ruhestand zusteuert, dass der 1964 geborene Spitzenjahrgang der Babyboomer 2031 in Rente geht und dass bald schon weniger Einzahler in die Sozialsysteme einer wachsenden Zahl von Empfängern gegenüberstehen, wie die Rentenkommission der Bundesregierung akribisch vorrechnet, wird in der Politik weitgehend ignoriert.

Zwar hat sich die Bundesregierung schon 2012 eine Demografie-Strategie mit dem Namen „Jedes Alter zählt“ verpasst, aber seither keine wirklichen Antworten auf den Wandel gegeben. Denn dazu wäre es notwendig gewesen, frühzeitig Renten- und Gesundheitssysteme an die rasant steigenden Kosten einer alternden Gesellschaft anzupassen. Auch die neue, ampelfarbige Bundesregierung schenkt dem demografischen Wandel in ihrem Regierungsprogramm wenig Aufmerksamkeit. Sie verweigert sich einer eigentlich notwendigen weiteren Erhöhung des Renteneintrittsalters, was angesichts einer steigenden Lebenserwartung zu einer zusätzlichen Belastung für die jüngeren Generationen führen muss. Immerhin beziehen die Deutschen mittlerweile im Schnitt 20 Jahre Rente, über 5 Jahre mehr als noch 1995. Stattdessen diskutiert die Politik eher eine Senkung des Rentenalters für bestimmte Gruppen und verspricht „sichere“ oder „gerechtere“, auf jeden Fall steigende Renten, was nur bedeuten kann, die wichtige Wählergruppe der Älteren zu schonen und die Jungen zu schröpfen. Auch der geplante noch tiefere Griff in die Steuerkasse, um die Altersbezüge finanzieren zu können, belastet in erster Line jene, die im Berufsleben stehen.

Eine weitere Anpassungsstrategie wäre, massiv in Bildung zu investieren, damit die kleiner werdenden Nachwuchsjahrgänge helfen können die Volkswirtschaft fitter zu machen. Gute Bildung übersetzt sich automatisch in höhere Produktivität und höhere Einkommen, wovon der Staat über höhere Steuereinnahmen profitiert. Die wichtigste Ressource eines rohstoffarmen Landes wie Deutschland ist der Bildungsstand der jungen Menschen. Nur sie können helfen, die Folgen des demografischen Wandels abzufedern, aber dafür braucht es mehr Frühförderung für alle Kinder, eine bessere Einbeziehung der Eltern in die Bildungskarriere des Nachwuchses, bessere Schulen, ein fordernderes und fördernderes Lehrpersonal, besser ausgestattete Hochschulen und so weiter. Bildungspolitik in Deutschland ist eine Dauerbaustelle.

Immerhin hat die vergangene große Koalition mit dem Fachkräftezuwanderungsgesetz einen Schritt getan, um reguläre Einwanderungswege zu erleichtern. Die neue Regel vereinfacht und erweitert die zuvor schon existierenden Möglichkeiten der Erwerbszuwanderung. Es ermöglicht Menschen aus Drittstaaten, in Deutschland zu arbeiten, so sie einen Arbeitsvertrag vorweisen können und ihre Qualifikation anerkannt ist. Akademiker und Personen mit anerkannter Berufsausbildung sowie Schulabsolventen können sechs Monate ins Land kommen, um sich einen Arbeits- respektive Ausbildungsplatz zu suchen. Trotzdem muss sich Deutschland aktiver als bisher um die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften kümmern, vor allem aus Drittstaaten. Das Potenzial für Zuwanderung aus EU-Ländern ist begrenzt und auf mittlere Sicht fehlt es dort ebenfalls an Erwerbsfähigen. Zusätzlich gilt es die Bildungs- und Arbeitsintegration von Geflüchteten zu verbessern und diese im Erfolgsfall möglichst schnell mit einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung zu belohnen.

Deutschland sollte seine Rolle als Pionier im demografischen Wandel deutlich ernster nehmen und eine Blaupause für ein Wohlergehen alternder und irgendwann schrumpfender Gesellschaften erarbeiten. Sonst machen es andere. Altern und Schrumpfen ist auf mittlere Sicht das Modell für die ganze Welt. Ob es uns gefällt oder nicht.

29.11.2021

Ist das nur neu oder schon normal?

Warum sich die reichen Demokratien auf ein Ende des Wachstums vorbereiten müssen

Seit Generationen ist Wirtschaftswachstum etwas Normales, vor allem für die Menschen in den weit entwickelten Ländern. Beginnend mit der industriellen Revolution, beschleunigt durch epochale Erfindungen wie die Elektrizität, den Verbrennungsmotor oder den Transistor und unterstützt durch neue politische und wirtschaftliche Freiheiten von Demokratien hat sich das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in den letzten 200 Jahren weltweit etwa verdreißigfacht. Die Menschen sind im Schnitt also ungefähr 30-mal reicher geworden.

Daran kann man sich gewöhnen. Kein Wunder, dass sich die meisten Menschen weiteres Wirtschaftswachstum wünschen. Für Ökonomen ist es quasi eine Naturkonstante. Und die Politik ist auf Wachstum angewiesen. Sie braucht es derzeit ganz besonders, um die Folgen der Corona-Pandemie zu bewältigen, um die Alterung der Gesellschaften zu finanzieren, um die Energiewende zu stemmen und um die Staatsschulden nicht ins Astronomische wachsen zu lassen. Unternehmen benötigen Wachstum für Investitionen und um Arbeitsplätze zu sichern. Die Volkswirtschaften der Welt stecken in einer massiven Abhängigkeit vom Wachstum.

Wachstum über alles

Wirtschaftswachstum bedeutet nichts anderes, als eine steigende Zahl von Gütern und Dienstleistungen in Umlauf zu bringen. Damit wird aber auch der ökologische Fußabdruck des um sich greifenden Wohlstands immer größer, denn Kühlschränke und Elektroautos, Arbeiten wie Amazon-Pakete ausfahren und Coronapatienten betreuen lassen sich nicht ohne Energieaufwand und Rohstoffeinsatz darstellen. Zusätzlich fallen am Ende von Produktion und Leistung immer Abfallstoffe an. Genau deshalb erleben wir den Klimawandel, das Artensterben, die Vermüllung der Ozeane und so weiter.

Das Wachstum zu reduzieren wäre somit aus ökologischen Gründen eine naheliegende Idee. Aber die oben beschriebene Abhängigkeit verbietet es diesen Weg politisch zu gehen. Keine Partei würde sich hinstellen und sagen: „Leute, jetzt aber bitte mal halblang mit dem Konsum, damit wir den Klimawandel bremsen können.“ Keine Regierung wird sich eine De-Growth-Strategie ins Programm schreiben. Im Gegenteil tut die Politik alles, um das Wachstum anzukurbeln. Sie erfindet Wachstumsbeschleunigungsgesetze, legt Konjunkturprogramme auf, senkt Steuern, um den Konsum anzukurbeln oder hält die Zinsen niedrig, in der Hoffnung, dass die Unternehmen mehr investieren.

Gehen die goldenen Zeiten des „immer mehr“ zu Ende?

Gut möglich, dass sich die Politik dabei auf einen Kampf gegen Windmühlenflügel eingelassen hat. Denn Wirtschaftswachstum ist keineswegs eine Konstante in der menschlichen Geschichte. Die 200-jährige Erfolgsstory seit der industriellen Revolution scheint vielmehr ein historischer Ausreißer zu sein. Und gerade in den erfolgreichen, demokratisch geführten Nationen, die am meisten von dem steigenden Wohlstand profitiert haben, klingt das Wachstum unabhängig von kurzfristigen Konjunkturzyklen langsam aus. In Deutschland etwa erreichte es in den 1950ern noch acht Prozent, heute liegt es im Mittel der letzten zehn Jahre noch bei gut einem Prozent. Ähnliche Rückgänge verzeichnen alle weit entwickelten Länder und die Schwellenländer folgen zeitversetzt dem gleichen Trend.

Für die Abwärtsentwicklung gibt es verschiedene strukturelle Gründe, gegen die sich mit den gängigen, Konjunktur fördernden Konzepten wie staatlichen Investitionsprogrammen oder Zinssenkungen gar nichts ausrichten lässt. Erstens klingt das Bevölkerungswachstum, das lange ein Haupttreiber für das Wirtschaftswachstum war, in den reichen Ländern aus und die Gesellschaften altern. Zweitens erhöhen sich, trotz Digitalisierung und Robotisierung, die Innovationskraft und die Produktivität immer langsamer, weil heutigen Erfindungen weniger Durchschlagskraft innewohnt als einst der Dampfmaschine oder dem Automobil. Man sehe das Computerzeitalter überall, nur nicht in der Produktivitätsstatistik, hat der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Solow einmal angemerkt. Drittens nimmt in vielen Gesellschaften die Ungleichheit zu und begrenzt die Konsummöglichkeiten der unteren Einkommensschichten. Und viertens wirken sich ökologische Schäden zunehmend bremsend auf die wirtschaftliche Entwicklung aus, wobei man die Corona-Pandemie gut und gerne als Folge von Umweltfrevel hinzurechnen kann.

Der US-Ökonom Lawrence Summers, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, bezeichnet die Schwächephase als „säkulare Stagnation“, als eine Wachstumsanämie, die über sehr lange Zeit andauert. Andere Wissenschaftler sprechen von dem „New Normal“, von einer neuen Normalität für die weit entwickelten Volkswirtschaften, von einem Ende des Wachstums nicht etwa aus ökologischen Überlegungen, sondern durch die Hintertür eines strukturellen Wandels.

Schon 2017 hat das Berlin-Institut für Bevölkerung eine längere Studie („Was tun, wenn das Wachstum schwindet?“) veröffentlicht, die sich mit den Hintergründen der Wachstumsverlangsamung beschäftigt hat, mit den Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft und mit dem Unwillen der Politik, sich auch nur theoretisch mit diesen Fragen zu beschäftigen. Damals waren die Auswirkungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 gerade überstanden und die Welt befand sich in einem wirtschaftlichen Zwischenhoch. Entsprechend gering war das öffentliche Interesse sich mit den Ursachen für stagnierende Volkswirtschaften auseinanderzusetzen. Die Studie hatte nicht die erhoffte Resonanz.

Mittlerweile hat die Weltgemeinschaft pandemiebedingt die nächste große Krise erlebt, mit einem Wachstumseinbruch, der den von 2008 noch übersteigt. Beide Ereignisse zeigen, dass es bei der Beurteilung von langfristigen Wachstumstrends nicht auf die Ausreißer nach unten oder oben ankommt, sondern immer auf die langjährigen Durchschnittswerte. Und die weisen kontinuierlich nach unten.

Interessanterweise ist gerade jetzt im englischen Fachblatt Nature Human Behaviour ein Beitrag eines interdisziplinären Forscherteams um den Umweltökonomen Matthew G. Burgess von der Universität von Colorado in Boulder erschienen („Prepare developed democracies for long-run economic slowdowns“), die sich exakt mit den gleichen Fragen beschäftigt wie die Studie des Berlin-Instituts viereinhalb Jahre zuvor und auch zu den gleichen Ergebnissen kommt. Beide Publikationen mahnen an, dass die Wissenschaft dringend der Frage nachgehen sollte, ob und wie entwickelte Gesellschaften für ein Wohlergehen ihrer Bürgerinnen und Bürger sorgen können, wenn das Wachstum weiter zurückgeht oder ganz versiegt.

Bisher ist dieses Wohlergehen keinesfalls gesichert, denn unter heutigen Rahmenbedingungen würde ein Ende des Wachstums sinkende Gewinnaussichten für die Unternehmen bedeuten, geringere Investitionen, erlahmenden technischen Fortschritt und wachsende Arbeitslosenzahlen, vor allem unter jungen Menschen. Das Vertrauen der Menschen in das gebetsmühlenhafte Versprechen von stetig wachsendem Wohlstand würde kollabieren, die Politikverdrossenheit zunehmen. Denn eine stagnierende Wirtschaft, heißt es in dem Papier von Burgess und Co., erzeuge mehr ökonomische Verlierer, erhöhe Konkurrenz und Ungleichheit in der Gesellschaft und gefährde den Zusammenhalt. Gleichzeitig beschneide es die finanzielle Handlungsfähigkeit des Staates, der weniger in den sozialen Ausgleich und die Bildung investieren könne. Politische Krisen dieser Art würden den Aufstieg populistischer Kräfte wahrscheinlicher machen.

Wirtschaftswachstum sei „ein unabdingbarer Wegbereiter für Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft“, hatte schon 2005 der Harvard-Ökonom Benjamin M. Friedman geschrieben. Bei dem Verlust eines „robusten Wachstums“ sah Friedman die soziale Sicherheit gefährdet und den Zerfall hochentwickelter Gesellschaften wie den USA, Deutschland oder Frankreich voraus. Die Tatsache, dass in diesen Ländern gerade die vom Strukturwandel und Arbeitslosigkeit gebeutelten Regionen zu Hochburgen populistisch-radikaler Parteien geworden sind, scheint Friedmans These zu stützen.

Eine zentrale Frage angesichts einer möglichen säkularen Stagnation ist deshalb, ob Demokratien, die einst ein Garant für Wachstum waren, die Kraft haben weiter zu existieren, wenn es endet. „Generell haben Demokratien Zugewinne in politischer, ökonomischer und intellektueller Freiheit gebracht“, schreibt das amerikanische Forscherteam. „Diese Freiheiten, gekoppelt mit einer Rechtsstaatlichkeit waren die wesentlichen Treiber des Wachstums“. Wirtschaftswachstum war demokratiefördernd, weil es unter diesen Bedingungen leichter war, den Wohlstand in der Breite der Gesellschaft zu verteilen. Diese ökonomische Teilhabe wiederum war wachstumsfördernd, weil sie den Massenkonsum von immer mehr Menschen möglich machte. Letztlich war es ein gegenseitiges Hochschaukeln von bürgerlichen Freiheiten und Wachstum, das zum Erfolg von Demokratien beigetragen hat. Unter anderem deshalb gab es in der Zeit vor der industriellen Revolution kaum Demokratien, nach zwei Jahrhunderten Wachstum und Wohlstandmehrung aber leben 55 Prozent aller Menschen in dieser Staatsform.

Was aber können Demokratien tun, wenn ihnen eine wesentliche Grundlage ihrer Entstehung abhandenkommt? Dazu gebe es schlicht und einfach keine empirische Erkenntnis, erklärt Burgess, der einräumt, dass er mit seiner Publikation auch kein Patentrezept für ein Wohlergehen der Gesellschaften ohne Wachstum parat hat: „Das Hauptziel unseres Papiers ist es, wenigstens mal eine Diskussion zu dem Thema zu starten.“

22.11.2021

Dem Osten gehen die Menschen aus

Was bringt Wirtschaftsförderung, wenn die Arbeitskräfte fehlen?

Die Bertelsmann-Stiftung, das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und die Bundesagentur für Arbeit (BA) schlagen Alarm: Es mangelt allerorts und in einer wachsenden Zahl von Branchen an Arbeitskräften, vor allem an Personen mit spezieller Ausbildung, von Pflegekräften über Handwerker bis hin zu IT-Experten und LKW-Fahrern. Händeringend suchen Betriebe nach Auszubildenden. Das bedeute das „Konjunkturrisiko Nummer eins“, schreibt das IW. Denn wo Arbeit vorhanden ist, aber niemand, der sie erledigen kann, geht potenzielle Wirtschaftskraft verloren.

Hinter der Krise steckt weniger eine boomende Ökonomie als vielmehr der demografische Wandel. Insofern kommt der Fachkräftemangel nicht überraschend, denn dass die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer, die lange Zeit für eine gute Wirtschaftsleistung und hohe Einnahmen der Steuer- und Sozialkassen standen, sich jetzt Zug um Zug in den Ruhestand verabschieden, ist alles andere als neu. Im Grunde ist seit dem Geburteneinbruch in den 1970er Jahren, dem sogenannten Pillenknick, klar, dass Deutschland auf eine massive Alterung der Belegschaften wie auch der gesamten Bevölkerung zusteuert. Den Babyboomern folgen deutlich dünner besetzte Nachwuchsjahrgänge, weshalb es mittlerweile weniger potenzielle Arbeitskräfte gibt, als die Unternehmen oder die Verwaltung nachfragen. Dieser Mangel wird sich weiter verschärfen, denn die 55- bis 65-Jährigen, also die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die auf dem Weg in die Rente oder Pension sind, stellen derzeit die kopfstärkste Gruppe im Bevölkerungsaufbau Deutschlands.

Ganz schön alte „neue“ Bundesländer

Das gilt nicht nur für die „alten“, westlichen Bundesländer, wo 82 Prozent aller bundesweit Beschäftigten arbeiten, sondern noch viel stärker für die „neuen“, demografisch aber deutlich älteren östlichen. Denn letztere hatten wendebedingt einen demografischen Doppelschock zu verdauen: Aus der ehemaligen DDR waren, beginnend direkt nach dem Mauerfall, rund 1,8 Millionen überwiegend junge, gut qualifizierte Menschen gen Westen abgewandert, darunter deutlich mehr Frauen als Männer. Die Arbeitslosigkeit im Osten und bessere Einkommens- oder Ausbildungsmöglichkeiten im Westen waren die Triebkräfte dieser Völkerwanderung. Darüber hinaus waren die Geburtenziffern zwischen Rügen und dem Erzgebirge in den 1990er Jahren drastisch eingebrochen, so dass für eine Weile gegenüber der Vorwendezeit nur noch halbierte Jahrgänge zur Welt kamen. Zeitversetzt zu dem Geburtenrückgang kam es entsprechend zu einem Rückgang der Schulabsolventen, später zu einer Halbierung bei den Auszubildenden und Studierenden. Und heute mangelt es an jungen Menschen, die in den Arbeitsmarkt einsteigen und ihrerseits Kinder bekommen. Demografische Ausschläge haben stets ihre Echoeffekte.

Erst 2013 kam die Abwanderung Ost zu Erliegen. Seither ist der Wanderungssaldo einigermaßen ausgeglichen, das heißt, es ziehen im Schnitt etwa genauso viele Menschen von Ost nach West wie umgekehrt. Auch die Geburtenziffern haben sich von ihrem Nachwende-Tief wieder erholt und liegen heute sogar leicht über dem Westniveau. Doch diese „Normalisierung“ bedeutet nicht, dass der demografische Wandel im Osten bewältigt wäre, wie manche Politiker oder Unternehmer suggerieren. Denn die einst gerissenen Lücken in der demografischen Zusammensetzung sorgen mittlerweile für einen demografischen Wandel 2.0.

Obwohl die Bevölkerung der DDR zum Zeitpunkt der Wende jünger war als jene im Westen, ist sie aufgrund der demografischen Verwerfungen in den Nachwendejahren inzwischen deutlich älter. Entsprechend stärker ausgeprägt ist die laufende Verrentungswelle. Die Folge: Immer mehr Arbeitgeber finden für ihre verrenteten Mitarbeiter keinen Ersatz mehr. Der Anteil an offenen Stellen ist im Osten höher als im Westen. Die Arbeitslosigkeit allerdings auch, was daran liegt, dass die Qualifikation der Arbeitsuchenden nicht immer zu den Ansprüchen der Arbeitgeber passt.

Die Alterung führt auch dazu, dass die Einwohnerzahlen vor allem in den ostdeutschen Flächenländern Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt weiter sinken werden, denn bis 2035 werden dort deutlich mehr Menschen auf ihre letzte Reise gehen, als Neugeborene hinzukommen. Das gilt besonders für Sachsen-Anhalt, das bis 2035 gegenüber 1990 mit rund 40 Prozent weniger Einwohnern zu rechnen hat. In manchen Landkreisen, wie dem brandenburgischen Spree-Neiße-Kreis, dürften im Jahr 2035 auf eine Geburt vier Beerdigungen kommen. Von den Ost-Bundesländern kann nur Berlin nebst seinem angrenzenden Brandenburger Speckgürtel mit steigenden Einwohnerzahlen rechnen.  

Die schrumpfende Mitte

Den relativ größten Einbruch wird die demografische Mitte der Gesellschaft erleben, also die Altersgruppe der Menschen im typischen Erwerbsalter zwischen 20 und 64 Jahren. Schlicht und einfach, weil aus dieser Kohorte oben deutlich mehr Personen herauswachsen, als unten hinzukommen. Das gilt für ganz Deutschland – und wiederum besonders für den Osten. Bundesweit können nur wenige attraktive urbane Standorte mit guten Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten damit rechnen durch Zuwanderung aus dem In- und Ausland Mitglieder dieser Altersgruppe hinzuzugewinnen. In entlegenen östlichen Regionen hingegen, die schon heute stark gealtert und geschrumpft sind, wie dem Süden Brandenburgs, dem thüringischen Landkreis Greiz oder dem Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt, dürfte die Zahl der Erwerbsfähigen bis 2035 gegenüber heute um rund 30 Prozent sinken. Die Hoffnung, dass diese Gebiete wirtschaftlich aufholen, dürfte reine Fiktion bleiben.

Zwar gibt es überall in diesen Gebieten kleinere und größere Unternehmen, welche die wirtschaftlich schweren Nachwendejahre in Ostdeutschland überlebt haben oder neu entstanden sind und für Beschäftigung sorgen. Doch sie sind jetzt gefährdet, weil sie oft nicht mehr wissen, wo sie überhaupt noch Mitarbeiter herbekommen sollen. Das gilt besonders für jene Regionen, die durch das geplante Ende der Braunkohleförderung vor einem heftigen Strukturwandel stehen, in der Lausitz im Süden Brandenburgs und im Osten des Freistaates Sachsen, aber auch in Sachsen-Anhalt. Rund 180.000 Arbeitsplätze sind seit der Wende in der Kohle- und Kraftwerkswirtschaft und anderen Betrieben allein in der Lausitz verloren gegangen und haben zu einem Teil-Exodus geführt. In dem Lausitz-Städtchen Weißwasser beispielsweise leben heute keine 16.000 Menschen mehr, bis zum Mauerfall waren es noch 40.000.

Die Bundesregierung, die den Kohleausstieg aus Klimaschutzgründen womöglich noch beschleunigen wird, will den wirtschaftlichen Umbruch bis 2038 über das „Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen“ mit insgesamt 40 Milliarden Euro an Strukturhilfen abfedern, die Lausitz hofft auf einen Anteil von 17 Milliarden. Die betroffenen Gebiete sollen „eine echte Chance erhalten, nach dem Kohleausstieg besser dazustehen als zuvor“, heißt es vom Bundeswirtschaftsministerium. Mit dem Geld sollen unter anderem Forschungsinstitute an- und Bundeseinrichtungen umgesiedelt oder die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut werden, in der Hoffnung, dass sich Menschen und Firmen neu in den Braunkohleregionen ansiedeln. Manches tut sich bereits: So baut der Chemiekonzern BASF mit 175 Millionen Euro Fördermitteln in Schwarzheide eine Fabrik für Kathoden, wichtige Bauteile für die Fertigung von Batterien für die Elektromobilität. Die deutsch-kanadische Firma Rock Tech errichtet für eine knappe Milliarde Euro eine Anlage für die Produktion von Lithiumhydroxid, die einmal das Material für rund 500.000 Elektroautobatterien liefern soll.

Dennoch ist die Gefahr ist groß, dass ein erheblicher Teil der Fördermittel ins Leere läuft, denn in der Region fehlt es schon heute an qualifizierten Arbeitskräften. Zudem lässt sich nicht jeder Kohlekumpel aus dem Tagebau und jede Maschinistin aus den Kraftwerken zu Experten für „hybride Leichtbaustrukturen“ oder die „Dekarbonisierung von Industrieprozessen“ umschulen, um nur zwei Anforderungsprofile für die erhofften Ansiedelungen zu nennen. Ob allzu viele Menschen bereit sind für die zu schaffenden Jobs von anderswoher in die peripher gelegenen Kohlereviere zu ziehen, die auch wegen ihrer Wahlergebnisse (knapp 30 Prozent für die AfD) nicht den besten Ruf haben, ist eine weitere Frage. Ebenso, ob ausgerechnet eine Region, in der lange Zeit eine planwirtschaftliche Monostruktur für Arbeit und Auskommen gesorgt hat, das Potenzial für eine kreative Gründerszene hat. Hinzu kommt, dass sich auch im hochattraktiven Großraum Berlin Tech-Unternehmen ansiedeln, die ebenfalls auf Fachkräfte angewiesen sind. Allein die sogenannte Gigafactory von Tesla im brandenburgischen Grünheide dürfte mittelfristig mindestens 12.000 Arbeitskräfte vom Markt saugen.

Jede neu geschaffene Stelle, so sinnvoll sie auf den ersten Blick sein mag, verschärft die Konkurrenz um Bewerber zwischen Unternehmen, Branchen und Regionen. Ein Teil der Jobs ließe sich also nur besetzen, wenn die Arbeitnehmer aus anderen Bereichen abgezogen würden. Mit guter Bezahlung wäre das sicherlich möglich, aber das wiederum würde alteingesessene Betriebe und Unternehmen gefährden. Darunter würden auch die Kommunen in den betroffenen Gebieten leiden, die ihre Fachkräfte tendenziell schlechter bezahlen als die Privatwirtschaft und längst verzweifelt nach gut ausgebildeten Mitarbeitern suchen, vor allem um die dringend notwendige Digitalisierung der Verwaltungen voranzutreiben.

Wie ist den Revieren zu helfen?

Was also wäre zu tun, um die Regionen nicht noch stärker schrumpfen zu lassen, um die 40 Milliarden Strukturhilfen halbwegs effizient auszugeben und um die neuen Arbeitsplätze, die sich alle wünschen, auch besetzen zu können? Zwei Maßnahmen stehen dabei im Vordergrund:

Erstens bräuchten die bald schon stillgelegten Kohlereviere, die als Innovationszentren auferstehen sollen, Zuwanderung an Fachkräften und Gründern sowie private Investoren. Die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland erfordert seit vielen Jahren Unterstützung aus dem Ausland, im Westen wie im Osten. Detlef Scheele, der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, vermeldet, Deutschland benötige rund 400.000 zugewanderte Arbeitskräfte pro Jahr, um das Erwerbspersonenangebot stabil zu halten. Ostdeutschland liefert aber bis dato kein Modell für die notwendige Aufnahmebereitschaft von Zugewanderten. Zwar hat sich der Anteil von Ausländern unter den Beschäftigten auf mittlerweile über 8 Prozent erhöht, sie arbeiten vorwiegend in den größeren Städten. Im Westen, der auf eine weitaus längere Zuwanderungsgeschichte zurückblicken kann, liegt er aber bei 15 Prozent.

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz aus dem Jahr 2020 macht es mittlerweile einfacher als je zuvor qualifizierte Mitarbeiter aus Drittstaaten zu rekrutieren. Dafür müssten sich Unternehmen und Regionalpolitik aktiv um eine Anwerbung kümmern. Sie müssten sich zudem um eine gesellschaftliche Integration von Zugewanderten bemühen, was in Regionen mit hohem rechtsradikalen Wähleranteil kein Selbstgänger ist. Die Bundesregierung sollte zudem einen „Spurwechsel“ von Geflüchteten ermöglichen, die in Deutschland in Ausbildung oder bereits in Beschäftigung sind, aber keinen anerkannten Schutzstatus haben. Diesen Personen droht ständig eine Abschiebung, obwohl sie bereits wesentliche Schritte einer Integration hinter sich haben. Sie nicht für den Arbeitsmarkt zu nutzen, ist eine Verschwendung von Humanpotenzial.

Zweitens müssen die Regierungsverantwortlichen einer weiteren Verschwendung von Humanpotenzial vorbeugen und die Bildungserfolge der jungen Generation in den vom Strukturwandel gebeutelten Gebieten verbessern. Denn ausgerechnet dort erreichen viele Jugendliche (überwiegend Jungen) nicht mal einen Hauptschulabschluss. Diese Schulabbrecher haben in ihrem späteren Leben wenig Chancen auf einen ertragreichen Job und sie stellen kaum das Arbeitskräftepotenzial, das sich die Bundesregierung mit ihrem Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen vorstellt. Im brandenburgischen Braunkohle-Landkreis Oberspreewald-Lausitz blieben 2019 rund 10 Prozent der Schulabgänger ohne Abschluss, im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt, einer klassischen Bergbauregion mit weitgehend stillgelegten Betrieben, sogar 13 Prozent.

Wenn es gelänge, zumindest einem Teil dieser jungen Menschen bessere Abschlüsse zu ermöglichen, stellt sich die nächste Frage: Wie lassen sie sich vor Ort halten, damit sie sich dort wirtschaftlich verdient können? Bildung, so notwendig sie für die Jugendlichen wie auch für die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Heimatregionen ist, hat nämlich einen Nebeneffekt: Sie erleichtert es aus strukturschwachen Gebieten abzuwandern und anderenorts einen Job zu finden. Genau aus diesem Grund haben periphere Regionen überall in Deutschland in der Vergangenheit junge, qualifizierte Kräfte verloren – im Osten mehr als im Westen.

02.11.2021

China auf dem Zenit

Neue Weltmacht mit fragiler Zukunft

China gibt den Ton an. Zumindest für den Moment. China baut zehnstöckige Hochhäuser in 29 Stunden, produziert weltweit die meisten Elektroautos, betreibt die leistungsfähigsten Supercomputer, ist führend in der Drohnentechnologie und meldet mit Abstand die meisten Patente an, doppelt so viele wie die USA. Nirgendwo wird die Bevölkerung akribischer überwacht und auf staatstragendes Verhalten getrimmt als in dem 1,4-Milliarden-Staat. Keine Volkswirtschaft jagt mehr klimaschädliche Treibhausgase in die Atmosphäre. China ist der Dominator. Kein Wunder, dass der britische Economist schon 2018 das „chinesische Jahrhundert“ ausrief.

Tatsächlich hat das Land, das nach Maos Kulturrevolution einem selbstgezimmerten Armenhaus glich, seit Mitte der 1980er Jahre eine einzigartige Aufholjagd hingelegt und sich binnen weniger Jahrzehnte zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Welt emporgearbeitet. Es hat 800 Millionen Menschen aus der Armut geholt, bildet die besten Schüler aus und dürfte bis 2023 die USA bei den Investitionen in Forschung und Entwicklung überholen. Chinesische Studenten sind weltführend in den Disziplinen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen.

Wird China ein zweites Japan?

Doch Vorsicht vor zu viel China-Euphorie: Der derzeitige Entwicklungshype erinnert stark an ein anderes asiatisches Land der späten 1980er Jahre. Japan galt damals als Morgenland, als High-Tech-Schmiede der Zukunft. Die Regierung hatte massiv in das „Technopoliskonzept“ investiert und Technologieparks, Universitäten und Unternehmen zu einer Innovationsmaschine gebündelt. Firmen wie Hitachi, Nikon, Sony oder Panasonic dominierten den Weltmarkt und trieben nicht mehr konkurrenzfähige Unternehmen aus dem Westen reihenweise in den Ruin. Der Rest der Welt war abgehängt.

Dann aber kam die große Ernüchterung. Der japanische Aktienindex Nikkei erreichte 1989 seinen historischen Höchststand, halbierte sich innerhalb kurzer Zeit und konnte nie mehr an die alten Erfolge anknüpfen. An der Börse und auf dem Immobilienmarkt platzten damals die Blasen, die Innovationskraft sank und die Arbeitslosigkeit, lange Zeit ein Fremdwort in Japan, stieg. Seither pumpt die Regierung Abermilliarden in Wachstumsprogramme (ohne großen Erfolg) und treibt den Staatshaushalt im immer rotere Zahlen. Heute ist das einstige Wunderland mit 266 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes verschuldet, das ist Rekord unter den Industrienationen.

Die Gründe für den Absturz Japans waren vielfältig, aber ein gewichtiger war die Demografie. Das Land hatte Anfang der 1970er Jahre seinen Babyboom erlebt, als Japanerinnen im Schnitt über zwei Kinder bekamen. Dann gingen die Kinderzahlen kontinuierlich zurück, so dass zeitversetzt Anfang der 1990er Jahre immer weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt eintraten. Ein solcher Rückgang an Nachwuchskräften ging in vielen Ländern der Welt mit einem Wirtschaftseinbruch einher. Seit 1995 schrumpft in Japan die Gruppe der sogenannten Erwerbsfähigen zwischen 16 und 65 Jahren. Gleichzeitig wächst die Zahl der Rentner und Hochaltrigen, die es sozial und medizinisch zu unterstützen gilt. Bereits heute sind rund 30 Prozent der Japanerinnen oder Japaner über 64 Jahre alt; 87.000 von ihnen sind 100 Jahre und älter. Das sind keine guten Nachrichten für Produktivität und Innovationskraft.

Demografisch hat China eine ähnliche Entwicklung vor sich, nur wird sie deutlich heftiger ausfallen als in Japan. Chinas Babyboom rührt noch aus Maos Zeiten: Mitte der 1960er Jahre bekamen die Frauen im Schnitt 6,3 Kinder. Die damals geborene kopfstarke Generation war der Motor für die von Deng Xiaoping 1978 angezettelte Wirtschaftsliberalisierung. Zu versorgende Kinder und Ältere gab es zu diesem Zeitpunkt wenige und die Regierung konnte sich ganz auf den ökonomischen Aufschwung konzentrieren. Junge Menschen waren im Überfluss vorhanden, Millionen von ihnen fanden Jobs in der Baubranche und der Turbo-Industrialisierung. Ihre Einkommen flossen in den Konsum und zogen weiteres Wirtschaftswachstum nach sich. China konnte eine „demografische Dividende“ einfahren wie kaum ein zweites Land. Die Planwirtschaft feierte ihre historisch größten Erfolge.

Der lange Schatten der Ein-Kind-Politik

Doch wie überall altern die Babyboomer irgendwann, wobei es in China überproportional viele sind. Denn die rigorose Ein-Kind-Politik des Landes sorgte dafür, dass der Boomer-Generation nur noch deutlich dünner besetzte Jahrgänge folgten. Heute sind 1,3 Kinder je Frau die Norm, einer der niedrigsten Werte weltweit, auch wenn die Propaganda längst wieder mehr Nachwuchs einfordert. Und das bedeutet mittlerweile einen Mangel an Arbeitskräften bei steigenden Löhnen. Bis 2040 dürfte den UN-Bevölkerungsprognosen zufolge die Erwerbsbevölkerung um zehn Prozent schrumpfen. Im gleichen Zeitraum wird der Anteil der Ruheständler um 50 Prozent wachsen, mit der Folge explodierender Kosten in den Sozial- und Gesundheitssystemen. Die aber sind bis dato schlecht aufgestellt, so dass all jene, die ihre Alters- und die medizinische Versorgung nicht privat stemmen können, damit rechnen müssen, ihren Lebensabend in beschränkten Verhältnissen zu verbringen. Nach 2040 steht China dann vor einer „Superalterung“, die jene in Japan in den Schatten stellt. Wobei Japan immerhin schon ein reiches Land war, als die Alterung der Gesellschaft einsetzte, während China noch ein deutlich ärmeres Land sein wird, wenn die Alterung zu einer finanziellen und sozialen Belastung wird.

China hat nach 40 Jahren Aufschwung wenig Erfahrung mit Krisen, die grundlegend neue Konzepte und tiefe Einschnitte in liebgewonnene Privilegien und den neuen Wohlstand erfordern. Und die Herausforderungen gehen weit über die Demografie hinaus. Auch in China kostet die Bewältigung der Coronakrise einen Haufen Geld, das anderswo für Zukunftsinvestitionen fehlt. Wie in anderen gereiften Volkswirtschaften sinken auch im Reich der Mitte längst die Produktivitätszuwächse, was künftiges Wirtschaftswachstum erschwert. Wie einst in Japan hat sich eine gewaltige Blase am Immobilienmarkt gebildet, weil die Menschen in China zum Sparen neigen und Wohnungen und Häuser zu Phantasiepreisen kaufen, um ihr Geld zu parken. Davon hat zwar bislang die Bauwirtschaft profitiert, die für 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich ist. Doch eine Krise am Bau, etwa ausgelöst durch die dräuende Insolvenz des mit umgerechnet 300 Milliarden US-Dollar verschuldeten Immobilienentwicklers Evergrande, könnte wie einst die Lehmann-Pleite ein wirtschaftliches Beben auslösen, das weit über China hinausgeht. Ohnehin ist im letzten Jahrzehnt die Verschuldung Chinas massiv gestiegen, vor allem der Unternehmen und privaten Haushalte. Sie liegt bei über 210 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und damit deutlich höher als in den USA oder der Euro-Region.

Die Ausbeutung der Natur und ihre Folgen

Auch die Umweltschäden machen China mehr und mehr zu schaffen und bremsen das Wachstum. So ist die Wirtschaft nach wie vor auf eine Energieversorgung angewiesen, die im krassen Gegensatz zu den offiziellen Klimazielen des Landes stehen. Zwei Drittel der Elektrizität stammen aus Kohlekraftwerken, die für den berüchtigten Smog über weiten Teilen des Landes verantwortlich sind. Nach einer Publikation des britischen Fachblatts The Lancet lässt die dreckige Luft jährlich über eine Million Menschen vor ihrer Zeit versterben. Das Kohlendioxid aus den Kraftwerksschloten macht China zum mit Abstand größten Treibhausgasemittenten der Welt. Und trotzdem reicht der Strom nicht aus. Netzunterbrechungen häufen sich, was wiederum die Wirtschaft lähmt.

Kein Wunder, dass auch China den Klimawandel längst zu spüren bekommt: Das Land erlebt vermehrt Hitzewellen, ebenso schwerste Regenfälle, Starkregen und Schlammlawinen, die allein in der zentralchinesischen Provinz Henan im Sommer 2021 über 300 Tote gefordert haben. Dürren und Überschwemmungen beeinträchtigen die Stromerzeugung der Wasserkraftwerke, wie dem gigantischen Dreischluchten-Damm. Der Anstieg der Meeresspiegel gefährdet besonders die boomenden Städte an der Küste und damit das Herz der Wirtschaft. Das Perlflussdelta mit der Metropole Shanghai, wo fast so viele Menschen zuhause sind wie in ganz Frankreich, gilt als die am stärksten durch Fluten bedrohte urbane Großregion der Welt.

China bekennt sich zwar auch dazu, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen und plant seine Emissionen bis 2060 auf Netto-Null herunterzuschrauben. Doch wie die Ziele anderer Länder auch sind dies nur erklärte Absichten. Nach Analysen der Organisation Climate Action Tracker (CAT) sind Chinas bisherige Klimaschutzbemühungen gerade mal in der Lage, mitzuhelfen, den globalen Temperaturanstieg auf drei Grad zu begrenzen, mit katastrophalen Folgen für das eigene Land. Anders als in den meisten anderen Ländern sind die Emissionen selbst im Coronajahr 2020 weiter gestiegen. Entsprechend erhält die Klimapolitik des Landes von CAT den Stempel „unzureichend“. 

Weil die Regierung Chinas den Klimawandel als globales Problem hinstellt, die Auswirkungen im eigenen Land aber herunterspielt, die kommunistische Partei ihre Bevölkerung also bewusst ahnungslos hält, wissen die wenigsten Chinesen weder, welche Folgen ihnen bei der anstehenden Erwärmung drohen, noch, was es für ihren Alltag bedeutet, wenn das Land tatsächliche Klimaschutzmaßnahmen einleiten würde. Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2021 des China Youth Climate Action Network jedenfalls gaben fast 60 Prozent der Befragten völliges Unwissen um Klimawandel-Zusammenhänge zu Protokoll.

Wie reformfähig ist die Kommunistische Partei?

Bislang erweckt die chinesische Staatsführung nicht den Eindruck, als sei sie in der Lage, die wahren Probleme zu erkennen, geschweige denn deren Lösungen auf den Weg zu bringen. Die einst so erfolgreiche Planwirtschaft ist mit Phänomenen wie dem Klima- oder dem demografischen Wandel konfrontiert, die sich nichtlinear entwickeln, flexible Antworten erfordern und mit planwirtschaftlichen Methoden nicht zu beherrschen sind. Verkrustete politische Strukturen erschweren zudem den Ausweg aus der multidimensionalen Krise. So mahnt die Weltbank klare staatliche Wirtschaftsregeln an, um die Sicherheit von Investitionen zu garantieren. Die enorm gestiegene Einkommensungleichheit müsse über eine progressive Besteuerung eingedämmt werden, funktionierende Sozialsysteme aufgebaut und die Mittelklasse gestärkt werden, damit der Binnenkonsum als Wachstumstreiber anspringt. Ein weiteres Hindernis ist die grassierende Finanzkriminalität und Korruption. Vor allem in der lokalen Verwaltung halten die Beamten gerne ihre Taschen auf. Auch im Bildungs-, Gesundheits- oder Rechtssystem geht wenig ohne Bestechung. Auf dem Index für wahrgenommene Korruption von Transparency International rangiert China auf Platz 78 von 180 Ländern, nach Ländern wie Südafrika, Rumänien oder Belarus.

Chinas Führung reagiert zunehmend autoritär auf die neuen Herausforderungen. Xi Jinping hat mehr Macht an sich gerissen als alle seine Vorgänger, mit Ausnahme von Mao Zedong. Er fordert mehr Patriotismus und weniger Einfluss der Milliardäre. Politische Rivalen verschwinden aus der Öffentlichkeit, Minderheiten wie Tibeter oder Uiguren werden unterdrückt. Die Bevölkerung Chinas hat sich politische Mitspracherechte lange Zeit vorenthalten lassen, zumindest solange sich die Wirtschaft gut entwickelte und alle vom wachsenden Wohlstand profitierten. Bei den rückläufigen Wachstumsaussichten dürfte sie ihre Unzufriedenheit künftig stärker zum Ausdruck bringen. Noch mehr Druck von oben dürfte die Folge sein. Bis der Dampf im Kessel der kommunistischen Partei so weit gestiegen ist, dass die Führung sich ein außenpolitisches Ablenkungsthema sucht, um die Bevölkerung wieder hinter sich zu vereinen.

Dass die Annexion des unabhängigen Taiwan direkt vor Haustür des „Mutterlandes“ eine realistische Variante einer solchen Politik ist, daraus hat Chinas Führung nie einen Hehl gemacht. Sie betrachtet Taiwan seit eh und je als Teil der großen Nation.

30.08.2021

Afghanistans Bevölkerungsproblem

Unter Taliban und Co. droht ein anhaltender Kreislauf aus Armut und hohen Geburtenziffern

Es gibt viele Gründe für die aktuell desolate Situation der Menschen in Afghanistan: Fremde Mächte, die in der Vergangenheit bar jeder Ortskenntnis versucht haben, das Land nach ihren Vorstellungen zu formen; ein korruptes, vom Westen alimentiertes politisches System, das bis vor wenigen Wochen erfolgreich in die eigene Tasche gewirtschaftet hat; ein Stammesdenken bärtiger Männer, das auf mittelalterlichen Vorstellungen beruht; und nicht zuletzt religiöse Eiferer verschiedenster islamistischer Gruppierungen, die traditionell die Hälfte der Bewohner Afghanistans entrechten wollen und deren wirtschaftliche Expertise im Wesentlichen auf Drogenhandel und Entführungen fußt. Ein weiterer, zentraler Grund für das Entwicklungsdesaster wird allerdings kaum diskutiert: das hohe Bevölkerungswachstum. Es würde es dem Land schon unter geordneten Verhältnissen schwermachen, die sozioökonomischen Verhältnisse zu verbessern. 

Afghanistan weist die mit Abstand höchsten Geburtenziffern unter allen asiatischen Staaten auf. 4,3 Kinder bekommt eine Frau im Schnitt, weltweit liegen nur afrikanische Länder über diesem Wert. Das Land am Hindukusch verzeichnet derzeit ein natürliches Bevölkerungswachstum (ohne Migrationseinflüsse) von 2,7 Prozent im Jahr. Unter diesen Bedingungen verdoppelt sich die Bevölkerung binnen 27 Jahren. Afghanistan hat heute 40 Millionen Einwohner, zweimal so viele wie noch 1999. Es wären ein paar Millionen mehr, hätten nicht viele ihr Land aus Not oder aus Furcht um ihr eigenes Leben verlassen. Für 2035 sind 55 Millionen Menschen zu erwarten, 2050 wären es nach Schätzungen des Washingtoner Population Reference Bureau (PRB) über 70 Millionen. Momentan wächst die Bevölkerung jeden Tag um 2.500 Häupter.

Das Land wächst sich um Kopf und Kragen                                                    

All diese Menschen brauchen Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Gesundheitsdienste, Schulen und Jobs. Obwohl rund die Hälfte der Menschen in kleinbäuerlichen Betrieben arbeiten, kann sich Afghanistan nicht annähernd mit Nahrungsmitteln versorgen.  Rund ein Viertel der Einwohner gilt als unterernährt. Das Land hat seit 2000 zwei Hungersnöte erlebt, die es nur mit massiver Unterstützung des World Food Programme einigermaßen überstehen konnte.

Die afghanische Volkswirtschaft ist seit 2015 im Schnitt nur um 1,6 Prozent gewachsen, also weniger stark als die Zahl der Menschen, mit der Folge, dass die Bevölkerung unterm Strich ärmer geworden ist. Ein Land mit diesem Entwicklungsstand bräuchte mindestens fünf Prozent Wirtschaftswachstum, um auch nur die Arbeitsplätze für die nachwachsenden Generationen zu schaffen. Afghanistan ist gemessen am Pro-Kopf-Einkommen der ärmste aller asiatischen Staaten. Wie schlecht es den Menschen geht, zeigt allein die Lebenserwartung: Sie ist mit durchschnittlich 65 Jahren die niedrigste in Asien.

Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt die landesweite Arbeitslosigkeit auf 30 Prozent, das wäre Weltrekord. Aber diese Zahl sagt wenig aus, weil die meisten Menschen im informellen Sektor beschäftigt sind, also nur Gelegenheitsjobs haben oder im Familienbetrieb aushelfen, mit schlechter Bezahlung und ohne jede soziale Absicherung. Und jedes Jahr drängen 400.000 neue junge Arbeitssuchende auf den Markt. Nötig wären private Unternehmensgründer, die all jene Dinge produzieren, die den Menschen das Leben erleichtern. Die Nachfrage dafür wäre enorm, denn es fehlt fast an allem. Aber die ohnehin kleine Mittelschicht, die so etwas leisten könnte, ist vertrieben oder geflohen.

Warum aber ist das Bevölkerungswachstum so hoch? Es ist die Folge schlechter Entwicklung, von Armut, Bildungsmangel, unzureichender Gesundheitsversorgung und Frauenbenachteiligung. Das sind die Rahmenbedingungen, die überall auf der Welt für hohe Geburtenziffern sorgen. Dass am Hindukusch seit 40 Jahren Krieg herrscht, macht die Sache nicht einfacher.

Die neuen Machthaber haben das Problem nicht erkannt

Im Umkehrschluss lässt sich anhand der Gründe für das hohe Bevölkerungswachstum die mögliche Lösung des Problems beschreiben: Wo immer auf der Welt sich die Gesundheitssysteme verbessert haben, wo Jugendliche (und zwar Mädchen wie Jungen) möglichst lange zur Schule gehen können, wo Frauen mehr Mitsprache in Familie und Gesellschaft erlangen und neue Arbeitsplätze entstehen, sind die Geburtenziffern rasch gesunken und die Pro-Kopf-Einkommen gestiegen.

Wer die neuen Mächte in Afghanistan sind, ist zwar längst nicht klar, aber eines ist sicher: Solange Taliban, IS, al-Qaida oder sonst eine islamistische Gruppe die Politik bestimmen, hat dieses Entwicklungskonzept keine Chance. Es wird sich vielmehr der Kreislauf aus Armut und hohen Kinderzahlen zementieren, denn Frauenrechte und Mädchenbildung stehen nicht gerade oben auf der Agenda der Djihadisten. Auch der Zugang zu sicheren Mitteln der Familienplanung und die Zusammenarbeit mit ausländischen Nicht-Regierungs-Organisationen dürfte den Frauen verwehrt werden.

Deshalb ist die Bevölkerungsprojektion der Vereinten Nationen für Afghanistan mit Vorsicht zu betrachten. Sie nämlich geht davon aus, dass die Geburtenziffern wie in fast allen Entwicklungsländern weiter zurückgehen und zwar bis 2055 auf 2,1 Kinder je Frau. Dies ist der sogenannte Erhaltungswert, ab dem eine Bevölkerung mittelfristig aufhört zu wachsen. Unter diesen Bedingungen würde die Bevölkerung des Landes bis 2050 „nur“ auf 65 Millionen anwachsen und um das Jahr 2085 ihren Maximalwert von 77 Millionen erreichen. Das wären bis Mitte des Jahrhunderts 5 Millionen weniger als in der oben zitierten PRB-Vorausschätzung.

Der vergleichsweise optimistische UN-Ausblick baut auf einer Fortschreibung der jüngeren Vergangenheit. Denn auch in Afghanistan sind die Kinderzahlen je Frau gesunken. Noch bis zur Jahrtausendwende lag die Geburtenziffer stabil bei über 7 Kindern je Frau, der heutige Wert von 4,3 ist also bereits ein Erfolg.

Dazu beigetragen haben mit Sicherheit die 20 Jahre unter der dem Einfluss der Westallianz, als Nicht-Regierungs-Organisationen zahlreiche Entwicklungsprojekte auf die Beine stellen konnten. Diese Phase war für afghanische Verhältnisse politisch vergleichsweise stabil, Schulen und Gesundheitsdienste konnten halbwegs ihren Betrieb aufrechterhalten und die meisten Mädchen sogar in den entlegensten Tälern zur Schule gehen. Und es flossen Abermilliarden Euro an Hilfsgeldern in das Land. Dass es eine „gute“ Zeit für Afghanistan war, belegt die Kindersterblichkeit: War im Jahr 2000 noch für etwa 130 von 1.000 Kindern das Leben vor dem fünften Geburtstag beendet, so liegt dieser Wert mittlerweile bei etwa 60. Das ist eine deutliche Verbesserung, ist aber noch weit entfernt von der Kindersterblichkeit in einem hoch entwickelten Land wie Deutschland, wo nur noch 4 von 1.000 Kindern sterben, bevor sie fünf Jahre alt sind.

Mit dem Abzug der meisten ausländischen Partnerorganisationen und dem weitgehenden Ende der westlichen Entwicklungszusammenarbeit dürften die vorübergehenden Fortschritte zum Erliegen kommen. Die Islamisten an der Macht werden die Programme, etwa zur Familienplanung und zur Mädchenbildung, kaum weiterführen, es fehlen der Wille dazu, das Geld und die entsprechende Expertise. Und das bedeutet, dass die Bevölkerung weiter stark wachsen wird und die künftigen Entwicklungschancen Afghanistans noch schwieriger werden, als sie es heute schon sind.

24.08.2021

China in Afrika

Entwicklungshelfer oder neue Kolonialmacht?

Die Geschichte der jahrzehntelangen westlichen Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika ist schnell erzählt: Viel Aufwand – wenig Erfolg. Auch der vor wenigen Jahren vom zuständigen deutschen Minister ausgerufene „Marshallplan für Afrika“ oder der „Compact with Africa“ des Finanzministeriums, die Jobs für die zahlreichen jungen Menschen schaffen und deutsche Unternehmen zu Investitionen zwischen Tunesien und Südafrika treiben sollten, haben bestenfalls überschaubare Erfolge zu verzeichnen.

De facto ist Afrika nach wie vor der mit Abstand am wenigsten entwickelte Kontinent der Welt. Die Zahl der krisenhaften und gescheiterten afrikanischen Staaten nimmt zu, die Nahrungsmittelversorgung ist unzureichend und das hohe Bevölkerungswachstum macht die Lösung der vielfältigen Probleme nicht eben leichter. Die Hälfte der Menschen in Afrika muss noch immer ohne Stromanschluss auskommen und gerade mal 31 Prozent der Jugendlichen erreichen einen Sekundarschulabschluss (oft fragwürdiger Qualität), der heutzutage als Voraussetzung für eine erfolgreiche Berufskarriere in einer globalisierten Welt gilt.

Hat da, angesichts der ernüchternden West-Bilanz, nicht China die besseren Ideen für Entwicklung? Immerhin hat die mittlerweile zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt wie kein zweites Land eigene Erfahrung damit, wie ein rückständiges Land zu einer Aufsteigernation werden kann. Es hat seit 1990 über 700 Millionen Menschen aus der absoluten Armut geholt und liegt in vielen Forschungsbereichen gleichauf mit den USA. Die viel gefeierten Erfolge der Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen gehen vor allem auf die Fortschritte in China zurück. Seit Jahren versucht das Land auch die Entwicklung in Afrika voranzutreiben.

Keiner investiert mehr

China hat dort Investitionen in Höhe von vielen hundert Milliarden US-Dollar geleistet und ist gegenwärtig in zahllosen Infrastrukturprojekten engagiert, vor allem in rohstoffreichen Ländern wie Nigeria, Angola oder Sudan. Die neuen Entwicklungshelfer aus Asien haben Straßen und Häfen geplant, finanziert und gebaut, Stromleitungen, Kraftwerke, Pipelines, Eisenbahnen oder Flughäfen aus dem Boden gestampft, und zwar in einer Geschwindigkeit, die jeden deutsche Planer erblassen ließe. Damit konnten die notorischen Versorgungslücken auf dem afrikanischen Kontinent zumindest teilweise geschlossen werden. Man könne behaupten, dass jedes größere Bauprojekt in Afrika, das höher als drei Stockwerke aufragt, oder jede Straße mit mehr als drei Kilometern Länge von Chinesen gebaut oder geplant ist, meint Daan Roggeveen, der Co-Gründer von More Architecture, einem internationalen Planungsbüro mit Sitz in Amsterdam und Shanghai.

Zu den größten laufenden sino-afrikanischen Projekten zählen der 3.200 Kilometer lange Trans-Maghreb-Highway, der 55 größere nordafrikanische Städte miteinander verbinden soll; das Mambilla-Kraftwerk, das von 2030 an über 3.000 Megawatt Elektrizität aus vier Staudämmen des Dongo-Flusses in Nigeria liefern soll; oder eine Schnellstraße, die das verträumte kenianische Touristenparadies Lamu mit Äthiopien und Südsudan verbinden soll, ergänzt durch einen Tiefseehafen und eine Pipeline, über die einmal südsudanesisches Erdöl in die wartenden Riesentanker fließen wird. Die Beratungsfirma Deloitte schätzt, dass China im Jahr 2020 rund ein Drittel aller afrikanischen Infrastrukturprojekte kontrollierte, in Ostafrika sogar die Hälfte. Afrikanische Regierungen schätzen chinesische Projekte vor allem, weil sie äußerst zügig umgesetzt werden.

Nicht ohne Eigeninteressen unterwegs

Das alles tut China nicht aus reiner Nächstenliebe. Erstens gibt es die Bauprojekte nicht umsonst, sondern in der Regel gegen Kredit. Und zweitens kommen bei den Unternehmungen meist nur chinesische (Staats)-Unternehmen und in der Regel nur chinesische Fachkräfte zum Einsatz. Studien der SOAS Universität in London zufolge sind für die tatsächliche Arbeit auf den Baustellen allerdings überwiegend einheimische Kräfte beschäftigt, vor allem, weil es mittlerweile zu teuer geworden ist, auch gering qualifizierte Mitarbeiter aus China zu rekrutieren.

Daneben verspricht jedes ausländische Engagement in Afrika hohe Gewinne. Denn trotz der weit verbreiteten Armut entsteht in vielen afrikanischen Staaten eine neue konsumfreudige Mittelschicht, die offen für alle Gebrauchs- und auch Luxusgüter ist, von denen ein großer Teil den Aufdruck „Made in China“ trägt. Der Markt ist gewaltig, denn Afrika ist mit so gut wie allen Gütern unterversorgt und Chinas Industrie verzeichnet große Überkapazitäten. Tatsächlich finden sich überall in Afrika Läden, in denen sich die chinesischen Produkte bis zur Decke stapeln, in denen nur chinesisches Personal unterwegs ist und die Kasse manchmal sogar Renminbi-Preise ausspuckt, während die kleinen einheimischen Geschäfte, wo es vielerorts kaum mehr als Kerosin, Dosenkonserven, Zigaretten und Bratfett zu kaufen gibt, nach und nach verschwinden. Kein Wunder, dass China längst der größte Handelspartner des Kontinents ist mit einem jährlichen Exportvolumen von über 200 Milliarden US-Dollar.

Das Vordringen Chinas erinnert viele Beobachter an die Kolonialzeit im 19. und 20. Jahrhundert, als europäische Mächte afrikanische und asiatische Länder ihr Eigen nannten, dort eigene Billigprodukte absetzten und im Gegenzug wertvolle Rohstoffe außer Landes holten. Nur dass China heute nicht einmal militärische Macht ausüben muss, sondern eine Abhängigkeit über Kredite schafft und so massiven Druck auf politische und kulturelle Entwicklungen ausüben kann.

Wie hoch sich die afrikanischen Länder für all die Investitionen gegenüber China verschuldet haben, ist nicht genau bekannt. Der Politikwissenschaftlerin Deborah Bräutigam von der amerikanischen Johns Hopkins Universität zufolge haben sich die Kredite allein zwischen 2000 und 2015 auf knapp 100 Milliarden US-Dollar summiert. Seither sind sie weiter stark gestiegen.

Welche Abhängigkeit sich daraus ergeben kann, hat kürzlich Ching Kwan Lee, Sozialwissenschaftlerin von der Universität von Kalifornien in Los Angelos auf der Konferenz „Asia and Africa in Transition“ in Kopenhagen am Beispiel Sambia berichtet. Seit 2007 hat sie dort den chinesischen Einfluss in der Minen- und Bauwirtschaft erforscht, mit Politikern, Unternehmern, Gewerkschaftlern, einheimischen und chinesischen Bergarbeitern gesprochen und an Verhandlungen von indischen, chinesischen und Schweizer Bergbaumultis mit der sambischen Regierung teilgenommen.

Sambia ist für China interessant, weil dort das größte afrikanische Kupferabbaugebiet liegt und das Land weitere wertvolle Rohstoffe wie Kobalt birgt. Weil das ostafrikanische Land über keinen eigenen Seezugang verfügt, sind gute Verkehrsverbindungen über Schiene und Straße umso wichtiger. Den Bau der Infrastrukturen haben im Wesentlichen chinesische Unternehmen übernommen, mit der Folge, dass sich die Auslandschulden des Landes während Lees Forschungen versiebenfacht haben. Und weil die Firmen schon mal am Werke waren, haben sie gleich noch zwei ultramoderne Fußballgroßstadien dazu gebaut (eines davon im Heimatort des ehemaligen Präsidenten, zum Teil auf Kredit, teilweise auch als milde Gabe aus Fernost). „Stadion-Diplomatie“ nennt sich diese Form der indirekten Einflussnahme Chinas auf afrikanische Länder. In 27 Staaten, von Angola bis Uganda stehen mittlerweile zum Teil mehrere dieser als Sportstätten verkleideten trojanischen Pferde.

Und stetig entstehen in Sambia neue Bauprojekte, wobei der Zuschlag fast immer nach China geht, etwa für das 750-Megawatt Kafue Gorge Lower-Kraftwerk, für den Simon Mwansa Kapwepwe- Flughafen in der Kupfergürtel-Region, der künftig jährlich eine Million Fluggäste abfertigen kann oder für die Erweiterung des Kenneth Kaunda-Flughafens in der Hauptstadt Lusaka. Ob das Land, in dem 58 Prozent aller Menschen unter der Armutsgrenze von umgerechnet 1,9 US-Dollar am Tag leben müssen, und das beim Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen auf Rang 146 von 189 Ländern rangiert, all diese Prestigebetonbauten braucht und ob breite Bevölkerungskreise davon etwa haben, ist eine andere Frage.

Ab in die Schuldenfalle

Sambia-Kennerin Ching Kwan Lee jedenfalls ist der Meinung, dass von den chinesischen Aktivitäten vor allem die sambischen Eliten profitieren, dass chinesische Unternehmer sich sambische Wettbewerber mit unlauteren Methoden vom Halse halten, dass durch die hohen Geldflüsse die Korruption blüht und die Menschenrechtsverletzungen zugenommen haben. Kritiker in der sambischen Regierung, die gegen die massive Verschuldung für fragwürdige Projekte aufbegehren, wie der ehemalige Informations- und Rundfunkminister Chishimba Kambwili, mussten rasch ihren Posten räumen und wurden aus der Regierungspartei ausgeschlossen.

Vor allem können die gewaltigen Kreditsummen in eine fatale Schuldenabhängigkeit führen. China ist bekannt dafür, dass es sich beziehungsweise chinesischen Firmen bei Zahlungsausfall ganze Infrastrukturen übereignet. Zum Beispiel in Sri Lanka, wo China den mit Krediten gebauten Hafen Hambantota kurzerhand einkassierte, beziehungsweise für 99 Jahre unter Zwangspacht stellte. Ähnliche Maßnahmen drohen Pakistan oder Bangladesch, Länder, die ihre eigenen Infrastrukturprojekte kaum selbst stemmen können und sich ebenfalls in die Schuldenabhängigkeit gegenüber China begeben haben. In Afrika haben sich etwa Äthiopien beim Bau der Eisenbahnlinie Addis Abeba-Djibouti oder Kenia bei der Strecke Nairobi-Mombasa verhoben. Beide Projekte wurden deutlich teurer als erwartet, sind überwiegend von China finanziert und trieben die Länder in die Schuldenfalle

Das Gleiche kann Sambia passieren, das 2020 erstmals seine Rückzahlungen an internationale Gläubiger nicht mehr aufbringen konnte. Die Wirtschaft des rohstoffreichen Landes wächst kaum, die Einkommen sinken und die Arbeitslosigkeit steigt. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist so groß, dass bei der Präsidentenwahl im August 2021 überraschenderweise der Oppositionskandidat Hakainde Hichilema gegen den Regierungschef und Chinavertrauten Edgar Lungu einen haushohen Sieg einfuhr. Lungu wird unter anderem für die Misswirtschaft und weit verbreitete Korruption verantwortlich gemacht wird. Wie gut sich der neue Präsident gegen den chinesischen Einfluss durchsetzen kann, bleibt abzuwarten.

Ist das der neue Kolonialismus?

Ob das übermächtige China sich in Sambia, anderenorts in Afrika oder sonst wo auf der Welt tatsächlich als Neokolonialmacht aufführt, ist unter Wissenschaftlern umstritten, vor allem, weil es, anders als die klassischen Kolonialmächte, ohne militärische Präsenz auskommt. Auch Ching Kwan Lee ist in ihrer Einschätzung gespalten. Einerseits entstehen mit Hilfe Chinas Vorhaben, von denen andere Förderer in der Vergangenheit nur träumen konnten. Andererseits geht China bei seiner Entwicklungs-„hilfe“ ziemlich ruppig vor. Aber unterm Strich passiert wenigstens etwas, sagt die Wissenschaftlerin: „Die Europäer, die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds brauchen Jahre, bis sie die notwendigen Statistikunterlagen für eine Kreditvergabe zusammenhaben, sie wollen bis hin zu Genderfragen im Land alles wissen und bekommen dann am Ende eben einen Haufen gefälschte Daten. China interessiert sich dafür nicht. Alles geht viel schneller. Und China kann erfahrungsgemäß gut mit korrupten afrikanischen Regierungen zusammenarbeiten.“

13.07.2021

Kollision globaler Großprobleme

Wo Bevölkerungswachstum, Wassermangel und Klimawandel aufeinandertreffen, drohen neue Konflikte

Eigentlich ist das eine gute Nachricht: Äthiopien hat mit der einsetzenden Regenzeit im Juli die vor einem Jahr begonnene Flutung des „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ fortgesetzt. Die gewaltige Talsperre im Nordwesten des Landes soll das Wasser des Blauen Nils aufstauen und dem immer noch sehr armen Land am Horn von Afrika einmal 6.000 Megawatt regenerativ erzeugte Elektrizität liefern. Das ist vermutlich mehr als Äthiopien selbst verbraucht, so dass auch die Nachbarländer Sudan und Ägypten etwas von dem Strom abbekommen können und dem Lieferanten wichtige Devisen zufließen. Äthiopien hätte mit der Talsperre das größte Kraftwerk Afrikas und wäre mit dieser Art der Stromerzeugung eines der klimafreundlichsten Länder der Erde.

Doch ganz so rosig sind die Zukunftsaussichten der Region nicht. Denn hier kollidieren drei globale Megatrends, die einen Streit um das Wasser geradezu provozieren: Bevölkerungwachstum, Wassermangel und Klimawandel. Nach Nigeria gehören Äthiopien und Ägypten zu den drei menschenreichsten Ländern Afrikas, mit derzeit 117 respektive 102 Millionen Einwohnern, aus denen bis zum Jahr 2050 209 respektive 158 Millionen werden dürften. Zusammen mit dem Sudan kommen Äthiopien und Ägypten bereits heute auf 264 Millionen. Vermutlich werden es Mitte des laufenden Jahrhunderts 448 Millionen sein. Das wären etwa so viele, wie dann in den heutigen 27 Ländern der EU leben werden.

All diese Menschen brauchen Wasser. Für die Stromerzeugung und vor allem für die Landwirtschaft, die erhebliche Produktionssteigerungen liefern muss, um die Ernährung der Menschen zu sichern. Ohne künstliche Bewässerung ist das nicht möglich. Bisher versorgen die Bauern in Ägypten und Sudan ihre Felder fast ausschließlich mit Wasser aus dem Blauen Nil, der im äthiopischen Hochland entspringt – und jetzt aufgestaut wird. Der Weiße Nil, der sich in der sudanesischen Hauptstadt mit seinem blauen Nebenfluss vereint und seine Fracht aus den zentralafrikanischen Bergen Ruandas, Burundis, Kongos und Ugandas bezieht, bringt vergleichsweise wenig Wasser mit.

Ägypten und Sudan sind damit auf das Nass eines Flusses angewiesen, der aus einem Nachbarland stammt, denn auf ihren eigenen Territorien fällt so gut wie kein Niederschlag, der es bis in den Nil, den größten Fluss Afrikas schafft. Beide Länder bestehen größtenteils aus Wüste. Die Landwirtschaft findet praktisch nur auf einem wenige Kilometer breiten Streifen entlang der Flüsse statt. Dort leben auch 95 Prozent der Einwohner, was den bewohnten Gebieten eine Menschendichte beschert, die dreimal so hoch ist wie in den Niederlanden.

Schon 1997 war die Wasserverfügbarkeit in Ägypten unter den Wert von 1.000 Kubikmeter je Person und Jahr gefallen, was international als Grenzwert für Wassermangel gilt. Bis 2030 ist aufgrund des Bevölkerungswachstums zu befürchten, dass für jeden Menschen in Ägypten nur noch 500 Kubikmeter zur Verfügung stehen, das entspräche der Definition eines Wassernotstands. Kein einwohnerstarkes Land der Welt ist so abhängig von Wasser, das aus dem Ausland zuströmt. Und jetzt beginnt mit der Befüllung des fünf Milliarden Dollar teuren Grand Ethiopian Renaissance Dam eine neue Knappheit. Denn es vergehen 5 bis 15 Jahre, bis der Stausee vollständig gefüllt ist und in dieser Zeit dürfte der Blaue Nil bis zu einem Viertel seines Fließvolumens verlieren. Zudem werden auch äthiopische Bauern dem Stausee Wasser entnehmen, um ihre Felder zu bewässern, denn die dortige Bevölkerung erwartet ebenfalls eine deutliche Produktionssteigerung.

Der Klimawandel dürfte den Wassermangel in den drei Ländern weiter verschärfen. Klimasimulationen für die Region lassen vermuten, dass sich die Unterschiede zwischen trockenen und feuchten Jahren erhöhen werden. Die jährliche Durchflussmenge des Nils könnte deshalb im 21. Jahrhundert um 50 Prozent stärker variieren als im Jahrhundert zuvor. Generell dürften sich die Niederschlagsmengen in den drei Ländern eher verringern als erhöhen. Steigende Temperaturen bedeuten zudem höhere Verdunstungsraten auf bewässerten Feldern und die Gefahr einer Bodenversalzung. Ein steigender Meeresspiegel bedroht darüber hinaus das dicht besiedelte und landwirtschaftlich intensiv genutzte Nildelta, das schon heute unter Erosion und Unterspülung sowie einer Versalzung des Grundwassers durch eindringendes Meerwasser leidet.

Sudan und Ägypten haben seit dem Baubeginn des Stausees im Jahr 2011 gegen das Projekt protestiert und nun verärgert auf die wieder gestartete Befüllung des äthiopischen Wasserspeichers reagiert. Alle Versuche, den Konflikt über internationale Verhandlungen zu lösen, sind bislang gescheitert. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat in der Vergangenheit das Nilwasser zu einer Frage von Leben und Tod erklärt und dem Nachbarn im Südwesten wiederholt mit Krieg gedroht. Das allerdings wäre das Letzte, was die krisengeschüttelte und von ethnischen Konflikten geplagte Region noch brauchen könnte. Mehr Wasser jedenfalls kann kein Krieg liefern.

09.07.2021

Schlechte Nachrichten zum Weltbevölkerungstag

Die Zahl der Menschen auf einem begrenzten Planeten wächst und wächst in konstantem Tempo obwohl sich das Wachstum stark verlangsamt hat. Wie kann das sein?

Vor 33 Jahren, am 11. Juli 1987, haben die Vereinten Nationen den Weltbevölkerungstag ausgerufen. An diesem Tag, so die UN-Statistiker, hatte die Menschheit die Fünf-Milliarden-Hürde genommen. Rund 80 Millionen kamen in jenem Jahr hinzu und es grassierte die Sorge, dass anhaltendes Bevölkerungswachstum auf einem begrenzten Planeten irgendwann zu Problemen führen würde.

Die Furcht vor zu vielen Menschen hat sich seither eher verflüchtigt. Denn über viele Jahre haben sich die Lebensbedingungen in den allermeisten Ländern verbessert. Alle Probleme schienen lösbar. Weltweit ist die Kindersterblichkeit zurückgegangen. Die Einschulungsraten für Kinder sind gestiegen. Die globale Nahrungsmittelproduktion hat sich seit 1970 etwa verdreifacht, während sich die Weltbevölkerung seither „nur“ verdoppelt hat. Infektionskrankheiten wie Malaria oder HIV/Aids werden zurückgedrängt. Die Lebenserwartung, der vermutlich beste Querschnittsindikator für das Wohlergehen der Menschen, steigt fast überall. Die Vereinten Nationen vermelden, dass ein Durchschnittsleben inzwischen fast 73 Jahre währt. Im Jahr 1900 war im Mittel noch mit 30 Jahren Schluss mit dem Dasein.

Vor allem hat sich die Zahl der Kinder, die eine Durchschnittserdenbürgerin im Laufe ihres Lebens bekommt, in den vergangenen 50 Jahren halbiert, von knapp fünf auf mittlerweile 2,4. Das liegt bereits nahe an jenem „bestandserhaltenden“ Wert von 2,1 Kindern je Frau, bei dem eine Bevölkerung mittelfristig aufhört zu wachsen. Auch das relative Wachstum der Weltbevölkerung ist mit etwas über einem Prozent nur noch halb so hoch wie 50 Jahre zuvor. Tendenz: weiter sinkend. Auf den ersten Blick deutet somit alles auf ein baldiges Ende des Bevölkerungswachstums hin.

Doch auf den zweiten Blick offenbart sich hier ein arithmetischer Denkfehler. Denn das gegenüber den 1960er Jahren halbierte Wachstum findet mittlerweile auf der Basis der doppelten Anzahl von Menschen statt. Und das bedeutet: Das relative Wachstum nimmt zwar ab, aber das absolute hält sich weiterhin auf dem gleichen, hohen Niveau. Tatsächlich wächst die Zahl der Menschen seit den 1960er Jahren, als die Furcht vor einer Bevölkerungsexplosion grassierte, kontinuierlich um 70 bis 90 Millionen pro Jahr, im Schnitt um über 80 Millionen. 2019 hat sich die Menschheit um 81,3 Millionen Häupter vermehrt, was etwa der Einwohnerzahl Deutschlands entspricht. Oder um 15 Menschen in jenen sechs Sekunden, die nötig sind, um diesen kurzen Satz zu lesen. Im kommenden Jahr überschreitet die Menschheit aller Voraussicht nach die Acht-Milliarden-Schwelle. Bis Mitte des Jahrhunderts rechnen die Vereinten Nationen mit einer Zahl von 9,5 bis 10 Milliarden. Von Entwarnung an der Wachstumsfront kann somit nicht die Rede sein.

Das anhaltende Wachstum bedeutet, dass es mit jedem neuen Jahr über 80 Millionen Menschen zusätzlich zu versorgen gilt – mit Gesundheitsdiensten, Schulen, Nahrungsmitteln, mit einem Dach über dem Kopf und vor allem mit Arbeitsplätzen und einem Einkommen, das es erlaubt ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber das fällt gerade in jenen Ländern, in denen sich das globale Bevölkerungswachstum konzentriert, in Westasien, den Nahen Osten und vor allem in Afrika südlich der Sahara, immer schwerer. Dort nimmt, entgegen dem langjährigen weltweiten Trend, die Zahl der Hungernden zu, ebenso die Zahl der Kinder, die keine Schule besuchen können. Für das Jahr 2019 schätzte die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die Zahl der Hungernden auf 690 Millionen, das waren immerhin 8,9 Prozent der Weltbevölkerung. Die Covid-19-Pandemie dürfte diese Zahl noch einmal verdoppelt haben. Weil die vielen jungen Menschen oft keine Zukunftschancen für sich sehen, wächst die Frustration, die sich in sozialen und politischen Unruhen entlädt, bis hin zu Bürgerkriegen, Terror und Vertreibung. Nachhaltig ist dieses Bevölkerungswachstum in den armen Ländern nicht.

Der Klimawandel, die Folge des ebenso wenig nachhaltigen Lebensstils in den reichen Ländern, wird diese Probleme weiter deutlich verschärfen. Die Bauern in den wenig entwickelten Ländern können sich immer weniger darauf verlassen, dass der Regen zur richtigen Zeit und in der richtigen Menge fällt. Und mit der prognostizierten Erwärmung werden unberechenbare Stürme, Schädlingsinvasionen und andere Naturkatastrophen wahrscheinlicher. All das ist kein Grund zum Feiern am Weltbevölkerungstag.

Mehr zum Thema hier: Zu viel für diese Welt – Wege aus der doppelten Überbevölkerung. Edition Körber, 2021.

06.07.2021

Nahrung für eine volle Erde

Die Weltbevölkerung wächst nach wie vor um etwa 80 Millionen pro Jahr. Rund um den Globus erodieren Ackerflächen. Der Klimawandel macht es vielen Landwirten immer schwerer. Wir lassen sich bald schon zehn Milliarden Menschen mit Nahrung versorgen?

Natürlich wäre es möglich, die gesamte Menschheit von nahezu acht Milliarden Menschen angemessen zu ernähren. Dafür müsste man lediglich verhindern, dass ein Viertel der Feldfrüchte auf dem Weg vom Acker zum Teller vergammelt und weggeworfen wird, dass Rinder, Schweine und Hühner nicht ein gutes Drittel der weltweiten Getreideernte und fast die komplette Sojaproduktion fressen, von denen eigentlich auch Menschen leben könnten, dass Nahrungspflanzen in der Biogas- und Biotreibstofferzeugung landen und dass Terror und Konflikte die Arbeit der Bauern behindern. Theoretisch wäre all das möglich. Genauso wie es theoretisch möglich wäre, den Klimawandel bei 1,5 Grad Erwärmung zu stoppen oder die Vermüllung der Ozeane zu begrenzen.

Dummerweise sieht die Praxis anders aus: Noch immer nimmt der Dreck in den Weltmeeren zu, während die Fischbestände schwinden. Die erdnahen Luftschichten dürften sich, allen Lippenbekenntnissen der Klimapolitik zum Trotz, nach Stand der tatsächlichen Maßnahmen im Mittel auf zwei bis drei Grad erhitzen. Und weltweit mussten sich im Jahr 2019 jeden Abend rund 700 Millionen Menschen hungrig zum Schlafen legen. Sie hatten pro Tag weniger als 1.800 Kilokalorien zur Verfügung und galten damit als unterernährt. Covid-19 hat die Krise noch verstärkt. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schätzt, dass heute über 270 Millionen vom Hungertod bedroht sind, doppelt so viele wie vor der Pandemie. Zum Vergleich: Ein Durchschnittsbewohner Deutschlands verzehrt rund 3.500 Kilokalorien am Tag. Dafür gilt über die Hälfte der Bevölkerung als übergewichtig.

Die Reichen der Welt laden sich ihre Teller also deutlich voller als die Armen, mit Nahrung, die irgendwo erzeugt werden muss. Rund die Hälfte der bewohnbaren Erdoberfläche wird dafür landwirtschaftlich genutzt, ein Drittel der Böden ist bereits degradiert, was die Nahrungsproduktion einschränkt.

Hinzu kommt, dass die Zahl der Menschen seit rund 50 Jahren mehr oder weniger konstant um 80 Millionen pro Jahr wächst, was ungefähr der Einwohnerschaft Deutschlands entspricht. 2050 dürfte es annähernd zehn Milliarden Erdenbewohner geben. Der Zuwachs findet fast ausschließlich in den wenig entwickelten Ländern statt, in Westasien und vor allem in Afrika südlich der Sahara, also dort, wo schon heute die meisten Unterernährten leben.

Die doppelte Überbevölkerung

In den betroffenen Ländern, in denen es nicht gelingt, die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen, nicht nur mit Nahrung, sondern auch mit Gesundheitsdiensten, Schulen und Jobs, kann man getrost von einer Überbevölkerung sprechen, denn diese Situation ist mittelfristig nicht tragbar. Aber es gibt noch eine andere Form der Überbevölkerung und die ist noch weniger nachhaltig. Sie zeigt sich dort, wo die Zahl der Menschen kaum noch oder gar nicht mehr wächst – in den wohlhabenden, weit entwickelten Ländern wie Deutschland. Dort verbrauchen die Menschen deutlich mehr Rohstoffe, als die Umwelt im gleichen Zeitraum nachliefern kann und sie hinterlassen mehr Müll in jeder Form, als die natürlichen Kreisläufe schadlos aufnehmen können. Das Kohlendioxid aus dem Verbrennen fossiler Brennstoffe ist das prominenteste, aber längst nicht einzige Beispiel dafür. Kohle, Öl und Erdgas sind das Fundament unseres heutigen Wohlstands. Sie befeuern aber den Klimawandel. Der wiederum wirkt sich dort am schlimmsten aus, wo die Bevölkerungen stark wachsen und die Menschen zu wenig zu essen haben.

Wie sollen unter diesen Bedingungen in gerade mal 29 Jahren zehn Milliarden Menschen ernährt werden? Zunächst gilt es zu verhindern, dass es tatsächlich zehn und längerfristig noch mehr Milliarden werden. Wie sich das Bevölkerungswachstum auf menschenfreundliche Weise eindämmen lässt, ist hinlänglich bekannt: Überall, wo sich die Gesundheitsversorgung verbessert hat und die Kindersterblichkeit gesunken ist, realisieren die Menschen, dass es besser ist die Familiengröße zu begrenzen. Wo sich Bildung ausbreitet, insbesondere unter Mädchen, und wo Frauen mehr Rechte erlangen, sinken die Kinderzahlen rapide. Und wo auskömmliche Arbeitsplätze entstehen, wo die Menschen ihre Zukunft planen können, gewinnt die Familienplanung an Bedeutung.

Damit wäre, zumindest mittelfristig, die eine Form der Überbevölkerung unter Kontrolle – aber das nächste Problem auf dem Tisch. Denn sobald sich der Wohlstand in den armen Ländern ausbreitet, was das erklärte Ziel von Entwicklung ist, wächst der Hunger nach höherwertigen tierischen Lebensmitteln wie Milch und Fleisch. Unter diesen Bedingungen müssten bis 2050 nach Berechnungen des amerikanischen World Resources Institute im Vergleich zu 2010 rund 56 Prozent mehr Agrarkalorien produziert werden und nicht 40 Prozent, was dem reinen Anstieg der Weltbevölkerung entspräche. Ohne weitere Umweltschäden ist das nicht zu machen.

Um das zu vermeiden und trotzdem mehr Nahrungsmittel zu produzieren, muss sich in den wenig entwickelten Ländern eine neue Form der Landwirtschaft etablieren. Sie muss höhere Erträge liefern, aber ohne dabei Schaden anzurichten. Bislang fahren die Bauern vor allem in Afrika Ernten ein, die weit unter dem liegen, was möglich wäre. Afrikas Landwirtschaft liegt überwiegend in den Händen kleiner Betriebe, die in mühseliger Handarbeit im Wesentlichen für die eigene Familie und nicht für den Markt produzieren. Sie bleiben arm, haben keinen Zugang zu Kapital, zu zertifiziertem Saatgut, zu Dünger, Maschinen und anderen produktionssteigernden Mitteln. Und ihnen fehlt das Fachwissen für eine moderne und umweltschonende Landwirtschaft.

„Nachhaltige Intensivierung“ heißt das Zauberwort, mit dem sich dies ändern ließe. Dabei dürfen sich afrikanische Bäuerinnen und Bauern nicht an der industriellen Produktionsweise europäischer oder amerikanischer Agrarbetriebe orientieren. Diese erreichen zwar erhebliche Erträge, aber auf Kosten der Umwelt und des Weltklimas. Sie verbrauchen extrem viel Wasser, stoßen enorme Mengen an Treibhausgasen aus, belasten mit ihrer Düngung Grundwasser, Seen, Flüsse und dezimieren mit chemisch-synthetischen Schädlings- und Unkrautvernichtungsmitteln die Artenvielfalt. Ähnliche Fehlentwicklungen gab es auch in den einstigen asiatischen Entwicklungsländern im Rahmen der Grünen Revolution.

Afrika braucht deshalb eine „grünere“ Grüne Revolution. Die Landwirte sollten dafür mehr in Misch-, als in Monokulturen arbeiten, also etwa Getreide mit Hülsenfrüchten kombinieren, die eigenständig Stickstoffdünger liefern können. Sie sollten das kostbare Wasser effizienter nutzen und klimaangepasstes, qualitätsgeprüftes Saatgut verwenden, konventionell gezüchtetes wie auch solches, dessen Erbgut mithilfe von „Genscheren“ punktgenau verändert ist. Die Pflanzen, die daraus wachsen, können beispielsweise Parasiten und Fraßinsekten aus eigener Kraft abwehren und benötigen weniger oder gar keine Pestizide. Notwendig ist verbessertes Saatgut auch bei bisher von der Züchtungsforschung vernachlässigten Feldfrüchten wie Hirse, Yams oder Maniok. Diese werden zwar nicht weltweit gehandelt, gehören aber in vielen Ländern zur Basisernährung.

Und die Bauern können von der Digitalisierung profitieren. Schon das allgegenwärtige Handy hat der Landwirtschaft einen enormen Entwicklungsschub gegeben. Afrikanische Landwirte lassen sich mobil beraten und schließen Ernteausfallversicherungen ab. Sie können mit einfachen Sensoren Feuchtigkeit, Säuregrad und Nährstoffgehalt der Böden messen und so Präzisionsfeldbau betreiben. Sie profitieren von Unternehmen wie dem kenianischen „Hello Tractor“, einer Art Uber für Landmaschinen, das Traktoren und andere Gerätschaften samt Fahrer auf mobile Anfrage bereitstellt und den Gebrauch per GPS-Ortung minutengenau abrechnet.

Bleibt in dem großen Klima- und Bevölkerungspuzzle die Frage, wie sich die zweite, die konsumbedingte Überbevölkerung der reichen Länder bewältigen lässt. Sicher ist, dass weder die Agrarproduktion noch die Ernährungsgewohnheiten der dortigen Bevölkerungen ein Beispiel für den ganzen Planeten sein können. Würden alle Menschen nach diesem Muster leben, würde der Klimawandel entgleisen, die letzten Naturräume stünden vor dem Ende.

Natürlich könnten sich die Menschen in den wohlhabenden Ländern im Sinne des Klimaschutzes und der globalen Gerechtigkeit mäßigen. Sie wissen um die Probleme ihrer Lebensweise. Sie könnten ihr Verhalten entsprechend verändern – zumindest theoretisch.

 

Mehr zum Thema in dem Buch: „Zu viel für diese Welt – Wege aus der doppelten Überbevölkerung“, Edition Körber, Hamburg 2021.

© Copyright Alle Fotos: Reiner Klingholz