Bevölkerung und Entwicklung

Reiner Klingholz

Chemiker, Wissenschaftsjournalist, Bevölkerungsforscher und Buchautor

Aktuelles

In den armen Ländern wachsen mehr Menschen heran, als angemessen versorgt werden können. In den reichen konsumieren die Menschen mehr Rohstoffe und produzieren mehr Abfälle aller Art, als die natürlichen Kreisläufe vertragen können. Der Planet leidet unter einer doppelten Überbevölkerung. Die Folgen zeigen sich am Klimawandel, der Umweltverschmutzung, dem Artensterben oder neuen Infektionskrankheiten. Wie lassen sich diese Probleme lösen? Mehr dazu im neuesten Buch von Reiner Klingholz „Zu viel für diese Welt. Wege aus der doppelten Überbevölkerung“.


Reiner Klingholz im Podcast auf The Pioneer am 02.09.2023

Überbevölkerung ist der Elefant im Raum

Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz über Geburtenraten und Lösungen eines globalen Problems. Acht Milliarden 114 Millionen Menschen leben in diesem Moment auf dem Planeten. Der Mensch hat sich die Erde untertan gemacht. In den reichen Teilen der Welt konsumiert und verbraucht er zu viel, in den armen Teilen leidet er an Hunger und Armut.


Reiner Klingholz im Interview bei Deutschlandfunk Kultur am 28.08.2023

Was wird aus Südkorea, dem Land mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt?


Reiner Klingholz zum Thema Bevölkerungswachstum im SPIEGEL am 23.08.2023

Acht Milliarden – sind wir bald zu viele Menschen auf der Erde?

Schrumpft mit der Bevölkerung auch der Klimawandel, Herr Klingholz?

Der Forscher Reiner Klingholz erklärt am 27.08.2023 im Interview seine Theorie der »doppelten Überbevölkerung«, den Bevölkerungsschwund in China und wieso das Propagieren konservativer Werte nicht zu mehr Geburten führt.


Reiner Klingholz über die neue Landlust der Deutschen

Das Landleben erlebt gerade eine Renaissance, vorangetrieben von einer urbanen kreativen Szene. Home Office und Digitalisierung haben diesen Trend beschleunigt. Aber können die neuen Landpioniere alte Dörfer wirklich wieder zum Leben erwecken?

Über mich

Reiner Klingholz ist promovierter Chemiker und Molekularbiologe. Er hat an der Universität Hamburg in der Grundlagenforschung gearbeitet, war Redakteur beim Wochenblatt „Die Zeit“ und Leiter der Wissenschaftsredaktion beim Monatsmagazin „GEO“ und Redaktionsleiter von GEO-Wissen. Zwischen 2005 und 2007 war Klingholz Mitglied der Enquete-Kommission Demografischer Wandel des Landes Niedersachsen. Von 2003 bis 2019 hat er als Direktor das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung geleitet, eine unabhängige Denkfabrik, die Analysen und konstruktiv-kritische Studien zum globalen demografischen Wandel erstellt und Konzepte für den Umgang mit den daraus resultierenden Herausforderungen erarbeitet. 2013, 2015 und 2019/20 war Klingholz Fellow am Stellenbosch Institute for Advanced Study in Südafrika.

© Copyright Alle Fotos: Reiner Klingholz

04.07.2023

Weniger ist mehr

Eine Menschheit, die ihre Umweltprobleme nicht in den Griff bekommt, sollte lieber schrumpfen anstatt zu wachsen

Alle Jahre wieder, am 11. Juli, ist Weltbevölkerungstag. Dann machen die Vereinten Nationen Kassensturz und vermelden die Zahl der Menschen auf dem Planeten Erde. Es dürften in diesem Jahr ungefähr 8,05 Milliarden sein. Doppelt so viele wie im Jahr 1987. Knapp 80 Millionen mehr als im Vorjahr. Die genauen Zahlen kennt natürlich niemand, aber generell gibt es zum Status quo der Weltbevölkerung wenig wissenschaftlichen Dissens. Strittig ist eher, wie es weitergeht.

Sicher ist, dass sich die Wachstumsrate wie auch die durchschnittliche Zahl an Kindern, die weltweit je Frau geboren werden, seit über einem halben Jahrhundert immer weiter reduzieren. Aber auch dieser verminderte Zuwachs konnte nicht verhindern, dass der letzte Milliarden-Sprung von sieben auf acht in gerade mal elf Jahren absolviert wurde. Noch 15 Jahre könnte es dauern, bis die Neun-Milliarden-Grenze erreicht ist. Ob es danach im Laufe des 21. Jahrhunderts noch in Richtung zehn oder elf Milliarden weitergeht, ist umstritten. Aber es ist eine ökologisch bedeutsame Frage. Denn die Menschheit teilt sich einen begrenzten Planeten, der längst unter der Last des Homo sapiens ächzt.

Klimawandel, Artenschwund, Wassermangel, Erosion der Ackerböden oder Ozeanverschmutzung sind menschengemachte Veränderungen. Sie sind auf bestem Wege, Teile der Erde unbewohnbar beziehungsweise unbrauchbar zu machen. Zwar mangelt es nicht an UN-Konferenzen, Absichtserklärungen und internationalen Abkommen, um all diese Zerstörungen zu beenden. Aber die Umsetzung der Schutzmaßnahmen verläuft bestenfalls schleppend. De facto entwickeln sich alle genannten Umweltprobleme in die falsche Richtung. Mehr Menschen bedeuten unter diesen Bedingungen noch mehr zerstörte Umwelt.

Ökologischer Fußabdruck weltweit sehr ungleich verteilt …

Aber Mensch ist in Sachen Umweltbelastung nicht gleich Mensch. Die größten Umweltschäden richten die Bewohner der weit entwickelten Länder mit hohem Bruttoinlandsprodukt an. Wohlstand bedeutet Konsum, bedeutet eine enorme Nutzung von Gütern und Dienstleistungen, die sich nicht ohne den Verbrauch von Rohstoffen und Energie mit der entsprechenden Produktion von Müll jeder Art darstellen lassen. Wohlstand ist verheerend für den Planeten. Besonders schädlich sind dabei Länder wie etwa Deutschland, die schon früh auf den industriellen Pfad eingeschwenkt sind und deren kumulierter Ressourcenverbrauch und Schadstoffausstoß überproportional hoch sind.

Deutschland ist mit nur einem Prozent der Weltbevölkerung für immerhin zwei Prozent der aktuellen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Rechnet man die Gesamtemissionen seit Beginn der Industrialisierung, die als Klimagase noch immer in der Atmosphäre wabern und für die aktuelle Erwärmung sorgen, dann kommt das kleine Deutschland auf 5,3 Prozent des weltweit angerichteten Schadens. Das ist eine ganze Menge. Pro Kopf liegt Deutschland beim kumulativen Treibhausgas-Ausstoß auf Rang 4 weltweit, hinter den USA, China und Russland. Deutschland ist eine Emissionsgroßmacht. Äthiopien, ein Land mit mittlerweile 125 Millionen Einwohnern, trägt gerade mal 0,016 Prozent der Verantwortung für den globalen Klimawandel, ist also ein unbedeutender Emissionszwerg. Ähnliches gilt für andere Länder mit niedrigem Einkommen.

… und das Bevölkerungswachstum ebenfalls

Beim Bevölkerungswachstum ist es genau umgekehrt: Wohlhabende Länder und solche, die auf dem Weg dorthin sind und als Schwellenländer bezeichnet werden, melden durchgehend niedrige Geburtenziffern. In rund 100 Ländern bekommen die Frauen mittlerweile weniger als 2,1 Kinder. Dies ist das sogenannte Ersatzniveau. Unterhalb dieses Wertes hört eine Bevölkerung mittelfristig auf zu wachsen, solange keine Zuwanderung stattfindet. Zu diesen Ländern zählen sämtliche Industrienationen, mit Ausnahme von Israel, aber auch viele Schwellenländer wie Vietnam, Thailand, Bangladesch, Sri Lanka, Mexiko oder Brasilien. Weil auch die Milliardenländer China und seit neustem Indien in diese Kategorie fallen, hat der dortige Rückgang der Geburtenziffern einen enormen Einfluss auf das Wachstum der Weltbevölkerung. Hohe Geburtenziffern und starkes Bevölkerungswachstum gibt es nur noch in den am wenigsten entwickelten und armen Ländern in Westasien, dem Nahen Osten und in Afrika südlich der Sahara.

Wenn es den Menschen bessergeht, bekommen sie weniger Kinder

Insofern scheint es genau das Richtige zu sein, dass ausgerechnet dort, wo der Wohlstand groß ist oder schon deutlich wächst, das Bevölkerungswachstum ausklingt, zum Teil schon in ein Schrumpfen übergegangen ist. Weniger Hochverbraucher und Starkverschmutzer sind eine gute Nachricht für den Planeten. Aber bedeutet das, dass in den wenig entwickelten Ländern das Bevölkerungswachstum gar kein Problem ist, weil die Menschen dort viel zu arm sind, um die globalen Ökosysteme durch ihren Konsum zu gefährden?

Diese Vorstellung ist sicher falsch. Denn im armen Teil der Welt, wo es schon heute kaum gelingt, die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen, mit Nahrung, Gesundheitsdiensten, Bildungseinrichtungen, Energie, einem Dach über dem Kopf und vor allem mit Jobs, dort sind mehr Menschen eine enorme Herausforderung. Um das dortige Bevölkerungswachstum zu bremsen, müssen sich genau diese Lebensbedingungen verbessern. Mit einer breiten sozioökonomischen Entwicklung sinken die Kinderzahlen je Frau, genau wie es zuvor in den Industrie- und Schwellenländern geschehen ist.

Das ist eine gute Nachricht, denn das Bevölkerungswachstum lässt sich im Prinzip nur auf zwei Wegen begrenzen: Entweder die Fertilität sinkt, also die Menschen bekommen weniger Kinder, weil es ihnen bessergeht. Oder die Mortalität steigt, es sterben also mehr Menschen an Hungersnöten, Epidemien oder Konflikten, weil es ihnen schlechter geht. Letzteres hat zu früheren Zeiten das Bevölkerungswachstum gebremst beziehungsweise verhindert. Es ist offensichtlich, dass die erste Variante zum Ende des Wachstums die menschenfreundlichere und erstrebenswertere ist.

Was passiert, wenn die Armen reicher werden?

Doch auch sie hat einen Haken: Sozioökonomische Entwicklung bedeutet mehr Jobs, mehr Produktivität, mehr Wirtschaftswachstum, höhere Einkommen, die zwangsläufig in höheren Konsum münden. Und damit mehr Ressourcenverbrauch, steigende Emissionen und schwindende Naturräume. Der Welt-Energiebedarf dürfte bis 2050 um 50 Prozent anwachsen – vor allem, weil die Aufsteigernationen einen enormen Nachholbedarf haben. Ein Problem, das des Bevölkerungswachstums, wird gelöst, indem sich andere vergrößern.

Dummerweise gibt es zu diesem Szenario keine Alternative. Nicht nur, weil die Menschen dieser Länder ein Recht auf Entwicklung haben. Sondern auch, weil sie sonst in einem Kreislauf aus Armut, weiterem Bevölkerungswachstum und Verteilungskonflikten gefangen bleiben, mit negativen Folgen für die ganze Welt.

Zwar lässt sich die Entwicklung der heute armen Länder umweltfreundlicher gestalten, als es die früh industrialisierten Länder vorgemacht haben. Alte Fehler müssen nicht wiederholt werden. Aber die für eine Entwicklung notwendigen Infrastrukturen, Unternehmen und Jobs erfordern nun einmal den Einsatz von Beton, Stahl, Asphalt und anderen energieintensiven Werkstoffen. Solarparks, Windkraftwerke oder „grüne“ E-Autos funktionieren nicht ohne Kupfer, Nickel, Lithium oder Kobalt, nicht ohne einen Haufen Elektronik, die nicht vom Himmel fällt.

Für die Industrie- und Schwellenländer bedeutet das, sie müssen ihren Ressourcenverbrauch und ihre Schadstoff-Emissionen noch stärker als bisher angedacht senken, beziehungsweise auf Null fahren, um den Spätentwicklern den Weg zu einem besseren Lebensstandard zu ermöglichen. Das Zeitfenster zu einer erfolgreichen Bekämpfung der globalen Umweltprobleme, vom Klimawandel bis zum Artensterben, schließt sich damit noch schneller als gemeinhin diskutiert.

Sicher ist: Wir werden erst einmal mehr

Angesichts des komplexen Zusammenspiels von Bevölkerungsentwicklung, Wohlstandsmehrung, Rohstoffverbrauch und Umweltschädigung ist es schwierig, präzise Vorhersagen für die künftige Entwicklung zu erstellen. Die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen geht davon aus, dass es bis 2050 zwischen 9,4 und 10,0 Milliarden Menschen geben wird. Die mittlere (aber nicht zwingend wahrscheinlichste) Projektions-Variante rechnet mit rund 9,7 Milliarden. Das wäre ein Plus von gut 1,6 Milliarden, was der heutigen Bevölkerung von Indien, Pakistan und Bangladesch zusammengerechnet entspricht. Allein 900 Millionen neue Erdenbürger sind in Afrika südlich der Sahara zu erwarten, also dort, wo die Menschen am ärmsten sind.

Je weiter die Vorausschau in die Zukunft reicht, desto ungenauer werden notgedrungen die Ergebnisse. Sie hängen von Annahmen zur künftigen weltweiten Fertilität und zur Lebenserwartung ab, die sich nur schätzen lassen. Bis Ende des Jahrhunderts reicht die Spanne der UN-Weltbevölkerungs-Projektionen von 8,9 bis 12,4 Milliarden, bei einer mittleren Variante von 10,4 Milliarden. Dabei besteht eine 50-prozentige Chance, dass die Zahl der Menschen noch vor 2100 ihr Maximum erreicht, sich dann stabilisiert oder mit dem Schrumpfen beginnt. Die Frauen der Welt dürften bei der mittleren Variante gegen Ende des Jahrhunderts im Schnitt nur noch 1,8 Kinder bekommen, 0,5 weniger als heute.

Die Projektionen der Vereinten Nationen sind zwar die am häufigsten zitierten, aber längst nicht die einzigen. Das Wittgenstein Center in Wien (WC) und das Internationale Institut für Systemanalysen (IIASA) in Laxenburg haben eigene Berechnungen erstellt, die von verschiedenen Annahmen zur künftigen Bildung ausgehen. Weil Bildung für Mädchen einen wesentlichen Einfluss auf die Nachwuchszahlen der entsprechenden Frauen hat, rechnet das WC/IIASA-Szenario im besten Fall mit einem Maximum der Weltbevölkerung von 8,9 Milliarden bereits im Jahr 2060. Dafür müsste sich die Bildung in den heute am wenigsten entwickelten Ländern allerdings so rasant entwickeln wie einst in den asiatischen Tigerstaaten. Bisher deutet nichts darauf hin, dass dies auch geschieht.

Noch optimistischer ist eine häufig zitierte Vorhersage der Initiative Earth4All, die der Club of Rome in Auftrag gegeben hat. Ausgerechnet jene Vereinigung, die mit ihren „Grenzen des Wachstums“ 1972 apokalyptisch vor Katastrophen aufgrund von Bevölkerungswachstum und Rohstoffverbrauch gewarnt hatte, die allesamt nicht eingetreten sind. Earth4All bietet zwei Szenarien. Beim ersten, als „Too Little, Too Late“ bezeichnet, bleibt die Bevölkerungszahl leicht unter dem mittleren UN-Szenario, führt aber dennoch an Kipppunkte, die das Erdsystem an seine Grenzen treiben. Das zweite Szenario „The Giant Leap“ setzt „die gewaltigste Transformation“ in der Geschichte der Menschheit voraus. Dazu müssten bis Mitte des Jahrhunderts, also in gerade mal 27,5 Jahren, die Armut ausgemerzt, Ungleichheiten beseitigt, Frauen gestärkt, eine emissionsfreie Energieversorgung aufgebaut und ein weltweites Ernährungssystem geschaffen werden, das gesunde Menschen und intakte Ökosysteme garantiert. Das Adjektiv für diese Transformation ist noch nicht erfunden, „gewaltig“ beschreibt sie nicht einmal annähernd.

Unter diesen Bedingungen, so haben die Forscher von Earth4All berechnet, würde die Weltbevölkerung schon 2040 ihr Maximum bei 8,5 Milliarden erreichen und die Erderwärmung ließe sich auf zwei Grad begrenzen. Das klingt nicht nur zu schön, um wahr zu sein, sondern offenbart auch den Fehler, der schon dem Bericht zu den Grenzen des Wachstums an den Club of Rome innewohnte: Modelle sind immer so gut wie die Annahmen, die in sie einfließen. Nach dem Prinzip „Garbage in – Garbage out“ hatten damals die Experten unrealistische Annahmen in ihr Modell eingespeist und folgerichtig falsche Ergebnisse erhalten. Interessanterweise haben sie dieses Prinzip nach 50 Jahren und zum Teil mit den gleichen Autoren noch einmal wiederholt – und als Ergebnis genau das Gegenteil einer Apokalypse bekommen.

An der Wunschvorstellung beziehungsweise den Zielen des Club of Rome gibt es allerdings wenig zu kritisieren: Die Menschheit muss lernen, sehr viel weniger Rohstoffe zu verbrauchen, ihre Müllmengen so weit zu reduzieren, dass die natürlichen Systeme diese verarbeiten können, die natürlichen Systeme sich regenerieren zu lassen und das Bevölkerungswachstum so schnell wie möglich abzustellen. Als „ideale“ Größe der Weltbevölkerung, die keinen Schaden mehr anrichtet und besser mit den anthropogenen Umweltveränderungen umgehen kann, die heute angerichtet werden, gelten zwei bis drei Milliarden. Das klingt für die meisten Ökonomen, die Mehrheit der politischen Führer der Welt und für den Papst im Besonderen ganz fürchterlich, wäre aber keineswegs ein Problem: 2,5 Milliarden gab es schon einmal auf Erden – und zwar im Jahr 1950.